Vernachlässigung : Einsatz Kinderschutz: Fast täglich ein neuer Fall

Auch am Samstag befreite die Polizei wieder ein Geschwisterpaar. Doch was für Schlüsse kann man aus den jüngsten Fällen ziehen? Die Sozialsenatorin ist jetzt für regelmäßige Pflichtuntersuchungen.

Tanja Buntrock,Sandra Dassler

Wieder musste die Polizei zwei vernachlässigten Kindern helfen. In Friedenau hatten die Eltern gestern ihre Tochter und ihren Sohn (vier und zwei Jahre) spärlich bekleidet in der Wohnung alleingelassen. Nachbarn hörten die Kinder weinen und riefen die Polizei. Die Geschwister wurden vom Arzt untersucht und zum Kindernotdienst gebracht.

Nahezu täglich werden derzeit Kinder aus verwahrlosten Wohnungen befreit. Oder Minderjährige vor ihren Eltern in Sicherheit gebracht, weil sie geschlagen oder missbraucht werden. Allein in den letzten zwei Wochen sind 29 Fälle bekannt geworden, in denen Kinder und Jugendliche vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht wurden (siehe Kasten).

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat angesichts der „erschreckend hohen Zahl von Kindesvernachlässigungen“ den von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einberufenen Kindernotgipfel begrüßt: „In Berlin ist bereits vieles auf den Weg gebracht worden – wie beispielsweise das Netzwerk Kinderschutz zur Früherkennung von Risikogruppen“, sagte er gestern dem Tagesspiegel. „Wir werden im Frühjahr ein Programm zur verpflichtenden Vorsorgeuntersuchung von Kindern auflegen. Genauso wichtig ist aber, dass sich die gesamte Gesellschaft ihrer Verantwortung gegenüber unseren Kindern bewusst ist.“

In Berlin sei man dabei ein großes Stück vorangekommen, sagt die zuständige Dezernatsleiterin beim Landeskriminalamt, Gina Graichen: „Die Menschen begreifen, dass sie in der Mitverantwortung stehen.“ Immer öfter seien es aufmerksame Nachbarn, Erzieher oder Ärzte, die der Polizei ihren Verdacht melden.

„Die Gesellschaft ist sensibler geworden“, meint auch der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky. Dadurch entstünde der täuschende Eindruck, dass vernachlässigte Kinder ein neues Phänomen seien. „Der Adventskranz ist die Erfindung eines Hamburger Erziehers, der sich im 19. Jahrhundert um vernachlässigte Kinder kümmerte“, sagt der SPD-Politiker. „Allerdings sind heute weitaus mehr Kinder als in den 70er und 80er Jahren betroffen. Damals lebte in Neukölln auch noch nicht ein Drittel aller Bürger von sozialen Transferleistungen.“

Buschkowsky kritisierte die gerade beschlosssenen Kürzungen der Erziehungshilfen. Er findet aber gut, dass der Kita-Besuch für alle Berliner Kinder ab 2011 kostenlos ist. Und er ist dafür, dass Kindern notfalls zwangsweise regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen besuchen. Das kann sich inzwischen auch Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) vorstellen – „wenn die Untersuchungen in ein ganzes Netzwerk für den Kinderschutz eingebettet sind“. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) will im März 2008 detaillierte Pläne zum Kinderschutz vorstellen. Bislang ist geplant, dass alle Eltern mit Vorschulkindern eine verbindliche Einladung zu den Untersuchungen erhalten. Erscheinen sie nicht, folgt eine Mahnung – und Besuch vom Jugendamt.

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