Berlin : Veronika Schröter (Geb. 1939)

Da hieß es gönnerhaft: „Die steht ihren Mann“

Jörg Machel

Gut geworden!“, hatte Veronika im letzten Telefonat zu ihrer Tochter gesagt. Sie meinte die drei kleinen Ölgemälde, die sie gerade fertiggestellt hatte. Sie standen auf der Staffelei, als man die Mutter tot in ihrer Wohnung fand.

Geboren wurde sie in Bautzen, einige Tage nachdem deutsche Truppen in Polen einmarschiert waren. An den Krieg und das Kriegsende erinnerte sie sich und an den schweren Start, den die Familie in der russischen Zone hatte. Es war schwierig, einen Platz in der neuen Gesellschaft zu finden. Weil der Vater ein Bauunternehmen betrieb, war der Tochter der Weg zum Abitur zunächst versperrt. Mit einem Brief an den Ministerpräsidenten klappte es dann doch, aber der Bruch mit dem System zeichnete sich ab.

Kurz vor ihrem 18. Geburtstag floh Veronika nach West-Berlin, kam nach Hessen, machte ihr West-Abitur und konnte endlich studieren: Architektur an der TU in West-Berlin. Sie musste sich allein durchschlagen, bekam nur hin und wieder Fresspakete aus dem Osten.

Auch sonst war manches bei ihr anders als bei anderen. Es war eine Sensation, wenn sie als Frau zu Praktika auf Großbaustellen auftauchte. Da hieß es gönnerhaft: „Die steht ihren Mann.“ Es war ein ständiger Kampf um Anerkennung.

Wenn sie sich später an ihr Studium erinnerte, fielen große Namen: Richard Neutra, Walter Gropius, Ernst Bloch. Für Veronika eröffnete sich eine neue Welt, sie war dabei, als die Studenten gegen die alte Welt aufbegehrten.

Sie heiratete ihren Kommilitonen Christoph, die erste Tochter kam zur Welt. Nach drei Jahren die Scheidung. Doch es verband die beiden so viel, dass sie wieder zusammenfanden. Eine zweite Tochter wurde geboren. Nebenher das Studium und die Arbeit – ein Lebensmodell, das von vielen misstrauisch betrachtet wurde. Veronika gehörte zu jenen Frauen, die das Arbeitsleben neu definierten: selbstbewusst und leistungsstark, nicht mehr die dienenden Zuarbeiterinnen der Männer. Ihre Leidenschaft galt der Stadtentwicklung und der Wohnungspolitik.

Anfang der siebziger Jahre engagierte sie sich in der Wählerinitiative für Willy Brandt. Günter Grass hatte sie ins Leben gerufen. Er und Veronika entdeckten die Liebe füreinander. Von ihm bekam sie ihr drittes Kind. In eine Ehe mündete die Leidenschaft der beiden aber nicht; irgendwann ging jeder wieder eigene Wege, ohne dass sie sich aus den Augen verloren.

Nach einigen Stationen in der westdeutschen Provinz landete Veronika wieder in Berlin und wurde in den Planungsstab von Bausenator Harry Ristock berufen. Sie begegnete vielen Menschen, deren Namen man noch kennt. Gern erzählte sie von einem Besuch bei Gustav Heinemann, der gerade Strohwitwer war und sich von ihr bekochen ließ. Max Frisch traf sie, als sie Geburtstag hatte. Statt Blumen bot er ihr das „Du“ an; eitel, aber nett gemeint. Für Günter Grass besorgte sie die feministische Literatur für seine Recherchen zum „Butt“ und wurde selbst zur interessierten Leserin. Das blieb nicht folgenlos für das Mikroklima in ihrer Beziehung und lässt sich im fertigen Roman gut nachverfolgen. Viele große Namen gehörten zu ihrem Bekanntenkreis, die Wertschätzung mit denen sie sie erwähnte, hing aber immer von der menschlichen Größe ab, die sie dahinter vorgefunden hatte.

Der Ost-West-Konflikt durchzieht ihr Leben wie ein roter Faden. Auch nach ihrer Flucht hielt sie Kontakt zur Familie in Bautzen. Nach dem Mauerfall wurde ihr altes Familieneigentum rückübertragen, und sie konnte sich nun nach der Architektur ganz der Malerei widmen.

Oft war sie ein ausgesprochen geselliger Mensch – und dann auch wieder ein sehr einsamer. Sie konnte eine wunderbare Unterhalterin sein, verstand es Freundschaften zu schließen, und war doch grüblerisch, manchmal schwermütig und drohte sich in diesen Stunden zu verlieren. Ein Ausgleich zwischen ihrer starken, zupackenden Seite und diesem Leiden an sich und an der Welt gelang ihr im Alter immer weniger.

Ihr letzter Bildzyklus ist in dunklen Farben gehalten, das Motiv ist abstrakt und hat doch eine große Leuchtkraft. Vielleicht ein Selbstporträt. Jörg Machel

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