Berlin : Véronique Merx (Geb. 1959)

",Il sucre les fraises', kennt Ihr diese Redewendung?"

von

Französinnen sind besonders elegant. Zumindest in der Vorstellung der meisten Deutschen.

In Jeans und Jacke, obwohl der Tag heiß ist, steigt Véronique eines Abends eilig von ihrem Fahrrad, streicht sich das Haar aus dem Gesicht. Sie hat eine Verabredung, will zusammen mit einer Freundin zu einem Botschaftsempfang. Die Freundin wartet bereits, mustert entsetzt die Jeans, die Jacke, die Haare. „So kannst du auf keinen Fall dorthin gehen.“ – „Doch!“, sagt Véronique. Und geht so dorthin.

Am folgenden Tag steigt sie mit ihrem roten Rucksack auf dem schmalen Rücken vom Fahrrad, drückt die schwere Tür zum „Institut Français“ auf und geht die hohen, breiten Treppen hinauf in ihren Klassenraum.

Manche der Schüler kommen seit Jahren in ihren Unterricht. Semester für Semester erscheinen sie im „Maison de France“ am Kurfürstendamm, wollen nur Véronique als Lehrerin. Stellen sich vor, dass sie krumm und runzelig noch immer beieinanderhocken werden, um den sperrigen Subjonctif zu üben.

Der Subjonctif zeige, so betont Véronique, die Denkart der Franzosen, auch wenn er in bestimmten Formen nur noch in der gehobenen Schriftsprache oder in satirischer Absicht verwendet werde. Was ihr besonders gefällt. Es ist ein Spiel der Schüler während des Unterrichts, die Frage „Quoi de neuf de Carla?“ – „Was gibt es Neues von Carla?“, an sie zu richten. Sofort unterbricht sie die Grammatiklektion, legt den Kopf schief, setzt eine unschuldige Miene auf und erzählt die aktuellste Anekdote über die schöne Sängerin und ihren Zwerg Sarko. Viele der Witze und Geschichten bezieht sie aus dem „Canard enchaîné“, der „Angeketteten Ente“. „Kann man diese Zeitschrift mit der ,Titanic‘ vergleichen?“, fragen die Schüler. – „Mais non, die ,Titanic‘ ist geradezu ordinaire im Vergleich zum ,Canard‘“.

Die Lektion wird wieder aufgenommen. „,Il sucre les fraises‘, kennt ihr diese Redewendung? Nein? Dann werde ich es Ihnen sagen: ‚Er ist ein Trottel.‘“ Véronique springt hin und her zwischen Du und Sie, ihre Schüler sollen beide Formen beherrschen. Sie gibt Konversationskurse, doziert über Politik und Jura, bildet Diplomaten im Einzelunterricht aus.

So wichtig ihr der alltägliche Aspekt der Sprache ist, so sehr legt sie Wert auf den literarischen. „Je mange les livres“, sagt sie – „Ich esse die Bücher.“ Vor allem Victor Hugo verehrt sie: Alles, was das Leben ausmacht, finde sich bei ihm: Armut und Reichtum, Einsamkeit und Geselligkeit, der Tod.

In den letzten Jahren beginnt Véronique langsam, aus dem Leben zu fallen. Sie wird immer schmaler, schwächer. Wenn sie mit dem Fahrrad an einer roten Ampel hält, vom Sattel gleitet und wartet, das grüne Licht dann aufleuchtet, sie wieder antreten muss, dauert das manchmal so lange, bis die Ampel wieder rot ist.

Sie friert immerzu. Bekommt diese merkwürdige Krankheit, „la maladie de Raynaud“, eine Durchblutungsstörung. Der Winter ist ihr ein Grauen. Gleichwohl behält sie ihre geistige Energie, ihren Humor. Sie trifft weiterhin Freunde, sagt schöne Sätze auf deren Anrufbeantworter: „Ich möchte wieder mehr über dein Leben hören.“ Über das eigene aber spricht sie kaum. Lässt niemanden in ihre Wohnung. Der Klett-Verlag plant ein Buch. Menschen verschiedener Herkunft sollen darin über ihre Wurzeln Auskunft geben. Véronique lehnt ab. So nah will sie niemanden an sich heranlassen.

Mit 21 ist sie nach Berlin gekommen. Als sie am Bahnhof Wannsee ausstieg, sah sie nur Bäume und Villen. Nichts entsprach ihrem Bild von der rauen, berauschenden Großstadt. Und doch blieb sie, länger als ihr halbes Leben. Selten nur fuhr sie nach Hause: „Es geht nicht, mes élèves!“ „Meine Schüler“, das sagte sie immerfort und hetzte von einem Sprachkurs zum nächsten, von der FU zur Volkshochschule zum Bundestag zum „Institut français“. Bis ihre Kraft nicht mehr ausreichte.

Véronique liegt im Krankenhaus, kann das Wasserglas kaum halten. Die Schüler und ein Kollege besuchen sie. „Im Januar“, sagt sie, „werde ich wieder arbeiten.“ Und plötzlich erschrickt sie: „Mon vélo, mein Fahrrad, ihr müsst nachschauen, ob es auch wirklich angeschlossen ist.“ Tatjana Wulfert

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