Berlin : Verrauchte Zeiten

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Von Stephan Wiehler

Allen Umweltgipfeln zum Trotz mögen die Schlote in China oder anderswo vielleicht noch weiterqualmen – im Kleinen ist die Tendenz unverkennbar, dass die verrauchte Epoche der Menschheit zu Ende geht. Nach dem rauchfreien Büro, dem Nichtraucher-Restaurant und dem Taxi mit leeren Aschenbechern folgt jetzt der raucherfreie Bahnhof.

Wo in seligen Zeiten der Dampf der Lokomotiven das Fernweh weckte, müssen Raucher ihre Sucht jetzt in eigens eingerichteten Raucherinseln befriedigen wie Aussätzige. Es ist schlecht bestellt um die Tabakromantik von einst. Die illustren Zirkel todesmutiger Männer, die in den Salons bei kluger Konversation in blauen Schwaden verschwanden, gehören der Vergangenheit an.

Vorbei auch die Zeiten, als der tabakrauchende und -schnupfende Bundeskanzler Helmut Schmidt seine Zuhörer mit der Erklärung erheiterte, Inflation sei, wenn die Schachtel Zigaretten fünf Mark koste. Heute, zwei Herzinfarkte des Altkanzlers später und beim Schachtelpreis von knapp drei Euro, lacht darüber keiner mehr. Und kein Mann meldet seiner Frau den Wunsch nach ausgewogener Ernährung mit den Worten: „Mild und bekömmlich soll es sein – wie die Overstolz vom Rhein“.

Vermutlich finden wir bald auch den Zigarettenautomaten nur noch in geschlossenen Räumen mit der Aufschrift: „Zutritt nur für Personen ab 18 Jahren.“ Kippen sind inzwischen eben wie Pornos: einfach unanständig.

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