Berlin : Verschraubt und verdübelt

Wie sich die Geschäfte in Kreuzberg vor den Folgen der Randale schützen wollten

Katja Füchsel

Hä? Genau hier fand sich gestern noch die Tür zur Sparkasse und gleich daneben die getönten Scheiben vom Schalterraum. Heute schauen die Bankkunden verwirrt an der blinden Fassade empor: Plexiglas, verschraubt, verdübelt, vom Boden bis zur Decke. Die meisten nehmen es gelassen. „Naja, ist ja auch vernünftig“, sagt eine Frau, „aber wo kriege ich jetzt mein Geld her?“

Die Skalitzer Straße gleicht Samstagmittag einer Einfahrt zur Geisterstadt: Die Geschäftsleute haben ihre Läden mit Brettern, Gittern oder Rollläden verrammelt, die Schaufläche vom Autohaus liegt verwaist da und auch die Anwohner haben ihre Wagen auf Abstand gebracht. Park and Ride – zur Sicherheit. „Am 1. Mai parke ich immer am Nollendorfplatz“, sagt Michael (36). Jetzt sitzt der Kreuzberger am Heinrichplatz, frühstückt in der Sonne und genießt „die letzten ruhigen Stunden vor dem Sturm“.

Michael meint nicht die für den Nachmittag angekündigten Gewitter, er spricht von der Randale, die an jedem 1. Mai – mal schwächer, mal schlimmer – über den Kreuzberger Kiez hereinbricht. Bereits im vergangenen Jahr versuchten Anwohner und Geschäftsleute, das Krawall-Ritual mit dem „Myfest“ zwischen Oranien-, Heinrich- und Mariannenplatz gewissermaßen kaputtzufeiern. Mit Hip Hop, Punk und türkischem Pop, Döner, Falafel und Würstchen. Der Plan: Je mehr friedliche Leute die Straße bevölkern, desto leichter lässt sich die Randale verhindern. Die Enttäuschung war groß, als kurz nach 20 Uhr dann doch die Steine flogen. Darauf, dass das „Myfest“ dieses Jahr anders endet, will zwar niemand sein Geld verwetten, trotzdem reiht sich am Mariannenplatz Stand an Stand – vorerst. „Wenn’s losgeht, bin ich mit meinem Grill ganz schnell weg“, sagt ein Würstchenverkäufer. Noch spielen die Kinder auf der Wiese, daneben sitzen schwarz gekleidete Jugendliche im Gras, lassen Prozentiges kreisen und dösen in der Sonne. Heinz Kurt, seit über 20 Jahren Kreuzberger, schwant bei diesem Anblick Böses. Schon seit dem frühen Morgen betet der 42-Jährige um dunkle Wolken, kalte Winde und „vorzugsweise Regen“, der die Massen von den Plätzen und Straßen treibt. „Wenn das Wetter aber so schön bleibt, haben die Jugendlichen abends die richtige Betriebstemperatur“, sagt Kurt. „Dann geht’s ab.“

Aber bevor es soweit ist, versuchen in Kreuzberg viele noch die schnelle Mark zu machen: Hobbygriller bieten Köfte und Nackensteaks feil, Männer schleppen Getränkepaletten, Kinder breiten ihr altes Spielzeug auf den Decken aus. Und für die Tankstelle an der Skalitzer Straße ist am 1. Mai ohnehin traditionsgemäß Ostern, Weihnachten und Sommerschlussverkauf gleichzeitig. Bündelweise gehen hier die Bierdosen über den Tresen. „Im Park nehmen die doch das Doppelte“, sagt ein junger Kunde.

Alles wie gehabt? Die Polizei jedenfalls zeigt in diesem Jahr deutlich mehr Präsenz: Das Fest hat am Vormittag noch gar nicht richtig begonnen, da ziehen die Uniformierten bereits in Trupps über den Oranienplatz. Wannen mit Blaulicht fahren langsam Patrouille. Eine Gruppe Jugendlicher schaut amüsiert, dann johlt einer den Polizisten hinterher: „Nein zur Gewalt!“ Die anderen schütteln sich vor Lachen.

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