Berlin : Verschwörungstheorien im Tempodrom

Matthias Rath wettert gegen das Pharmakartell und preist Vitamine als Allheilmittel an. Gut 1000 Zuhörer klatschen Beifall - aber Krebsexperten warnen vor seiner Therapie

Ingo Bach

Viel Feind, viel Ehr’ – das ist offenbar das Wirkprinzip von Matthias Rath, mit dem der Vitaminprediger seine Zuhörer für sich einnehmen will. Und seine Anhänger sehen das genauso. Jedesmal brandet in der großen Arena des Tempodrom Beifall auf, wenn Rath wieder und wieder berichtet, wie sich angeblich das Pharma-Kartell, die Medien und die Schulmediziner gegen ihn verschworen haben. „Helfen Sie mir im Kampf gegen die Geschäftemacher auf Kosten Ihres Körpers!“, ruft er den rund 1000 Zuhörern im Tempodrom zu. „Seit fünfzehn Jahren versucht man, mich kleinzukriegen. Aber sie werden es nie schaffen.“

Das Rezept von Rath, der in seinem Vortrag am Mittwoch abend von sich ab und zu in der dritten Person redet, enthält aber noch mehr Zutaten: Da ist die Kritik an den mächtigen Pharma-Konzernen, die durchaus viele Menschen teilen. Die verquickt Rath mit einer Verschwörungstheorie um das Pharmakartell, das einst von John D. Rockefeller gegründet worden sei und wie eine Krake den Globus umfasse. US-Präsident Bush stehe ebenso unter dessen Einfluss wie Großbritanniens Regierungschef Blair und US-Verteidigungsinister Rumsfeld. Und dies verknüpft er alles mit einem oft wiederholten Plädoyer über die segensreiche Wirkung von Vitaminen, die er „Naturheilstoffe“ nennt.

Diese Argumente kommen an. „Klar ist das hier eine Propagandaveranstaltung für Rath“, sagt ein Rentner. „Aber mit seiner Kritik an der Pharmaindustrie hat er doch Recht.“ Und dass die Ernährung in der modernen Zivilisation vitaminarm sei, findet er auch einen einleuchtenden Gedanken.

Doch die eigentlich Zielgruppe von Matthias Rath sind die von der Schulmedizin Enttäuschten, die selbst krank sind oder einen schwer Kranken in der Familie oder in ihrem Freundeskreis leiden sehen. „Ich habe meinen 32-jährigen Sohn durch Krebs verloren“, sagt eine 69-jährige Besucherin. „Schuld daran waren die Chemotherapien.“ Sie mache aber den Schulmedizinern keinen Vorwurf. „Die wissen es eben nicht besser.“ Doch sie selbst vertraue nur noch den Naturheilstoffen. „Seitdem ich Vitamine und Enzyme schlucke, ist mein Rheuma viel besser geworden.“

Gerade diese Abwendung von der Schulmedizin macht Ärzten und Pharmaexperten Sorge. Sie fürchten, dass zum Beispiel Krebskranke lebenswichtige Behandlungen zugunsten „wirkungsloser“ Vitaminpillen abbrechen. „Gerade bei der Behandlung von Krebs gibt es enorme Fortschritte“, sagt Christian Steffen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Wenn durch solche Vorträge Patienten abgehalten würden, zum Arzt zu gehen, sei das lebensgefährlich. „Zum Beispiel, wenn ein Krebskranker deshalb den Zeitpunkt verpasst, an dem sein Tumor operiert werden müsste.“

Rath, der vor dem Besuch in Berlin schon in mehreren deutschen Städten seine Vorträge hielt, wetterte gestern im Tempodrom: „Die Pharma-Industrie verdient nur mit der Krankheit.“ Allerdings verdient auch er daran. Er vertreibt eine ganze Reihe von Vitamin- und Vitalstoffpräparaten, die er zum einen über das Internet anbietet, zum anderen von umsatzbeteiligten „Beratern“ bis in die Wohnzimmer von Interessenten bringen lässt. Die Preise seiner Produkte sind beträchtlich, obwohl sie in Deutschland wegen der geringen Dosierung der Inhaltsstoffe als Nahrungsergänzungsmittel gelten und anderen Vitaminpillen aus Apotheken und Drogerien vergleichbar sind. So kostet die Multinährstoffpille „Vitacor-Plus Basisformula“ in der 90er Packung 42 Euro.

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