Verschwundene Mauertote : Bis heute sucht eine Frau die Asche ihres Sohnes

Die Kugeln trafen ihn, als seine Hände schon die Mauerkrone umfassten. Michael Bittner starb vor 30 Jahren – und bis heute weiß seine Mutter nicht, wo ihr Kind verscharrt wurde.

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Michael Bittner und seine Mutter Irmgard in den 80er Jahren.
Michael Bittner und seine Mutter Irmgard in den 80er Jahren.Foto: privat

Sogar ans Auswandern hat Irmgard Bittner einmal gedacht. Das war im Spanienurlaub vor ein paar Jahren. „Aber wie viele Gärten kann man denn haben im Leben?“, fragt sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Stattdessen schaut sie aus dem Verandafenster, raus zu den beiden Tannen links und rechts der Pforte.

Nein, diesen hier in Berlin-Rosenthal hätte sie nie aufgegeben. Schon wegen der Blautanne rechts vom Eingang nicht. Die hat ihr Michael vor 30 Jahren im Topf mit nach Hause gebracht. „So klein war die“, sagt Irmgard Bittner, sie hält ihre flache Hand neben den Tisch mit der geblümten Plastikdecke. Ein halbes Jahr, nachdem er die Tanne eingepflanzt hatte, war ihr Sohn tot.

Heute überragt der Baum das Haus bei Weitem, und Irmgard Bittner denkt erst recht nicht mehr ans Wegziehen. Sie ist auch nicht gut zu Fuß, ein Nerv im Knie macht ihr zu schaffen. Doch ihr Gang ist trotz ihrer inzwischen 80 Jahre so aufrecht wie einst. Und eine gewisse Weltläufigkeit ist ihr geblieben, die Fähigkeit zur Anteilnahme am Schicksal anderer, ein Interesse an den Dingen, die da draußen geschehen. Im Mittelmeer zum Beispiel: „Da sterben tausende Flüchtlinge, und irgendwo gibt es auch Mütter, die sie beweinen, die nie erfahren werden, wo ihr Grab ist.“ So wie sie selbst weint, weil sie fürchten muss, in ihrem Leben nicht mehr zu erfahren, wo ihr Sohn begraben ist.

Michael Bittner war ein Flüchtling, und er starb mit 25 Jahren. Nur wenige Kilometer vom Haus seiner Mutter entfernt, jenem Haus, das der gelernte Maurer selbst ausgebaut hatte. Nach so vielen Jahren des Schweigens stehen die Chancen schlecht, dass sich noch einer erbarmt. Einer, der Bescheid weiß und Irmgard Bittner die Wahrheit sagt. Der ihr erzählt, was sie an jenem 24. November 1986 mit dem Sohn gemacht haben – und wo sie ihn verscharrten.

Zumindest Klaus Rocke erinnert sich genau. An das trockene Knallen einzelner Schüsse und das Rattern eines Feuerstoßes aus einer Maschinenpistole, „das vergessen Sie nicht“, sagt er. Schon gar nicht, wenn das alles in dunkler Nacht vor der eigenen Haustür passiert. Rocke ist heute 73 und in Rente. Am 24. November 1986 um 1.30 Uhr war er 43 und stand als Ingenieur mitten im Berufsleben. Schon damals wohnte er in dem spitzgiebligen Siedlerhaus an der Oranienburger Chaussee, am Rande Frohnaus, im damaligen West-Berlin.

Die Chaussee war in jenen Jahren unpassierbar, denn dort, wo heute der Bordstein des westlichen Straßenrands liegt, ragte damals die Mauer drei Meter empor. Die Straße dahinter war mit weißem Sand bedeckt, damit sich Spuren besser abzeichneten, falls es doch einmal jemand hierhin schaffen sollte. Drüben, wo sich heute eine Filiale von McDonald’s befindet, stand eine weitere, die sogenannte Hinterlandmauer. Mit dem Zaun auf ihrer oberen Krone war auch sie drei Meter hoch.

Sie kamen aus dem Ägypten-Urlaub

Für Rocke und seine Frau endete an diesem Tag ihr Ägypten-Urlaub, spätabends waren sie in Schönefeld gelandet. Der Flughafen lag auf dem Territorium der DDR, doch für West-Berliner Passagiere war das Passieren der Grenze zwischen Ost und West möglich, wenn auch mit bürokratischen Hürden verbunden.

Das Taxi brachte die Rockes zu ihrem Haus und wendete. Dahinter ging die Zufahrt in einen schmalen Postenweg über, zugänglich für die Jeeps der französischen Feldgendarmerie. Frohnau gehörte 1986 zum französischen Sektor West-Berlins, die Soldaten kamen gelegentlich, um mal einen Blick über die Sperranlagen zu werfen, hinüber nach Glienicke/Nordbahn.

Nach Ägypten wäre Michael Bittner vielleicht auch gerne mal gereist. Aber nachdem er am 2. April 1984 einen Antrag auf Ausbürgerung aus der DDR gestellt hatte, ließen sie ihn nicht einmal mehr ins befreundete Bulgarien, wie er am 14. Mai 1986 beim Besuch des Amts für Genehmigungsangelegenheiten im Stadtbezirk Pankow beklagte. Alle halbe Jahre bestellten sie ihn dorthin, um zu fragen, ob er immer noch ausreisen wolle. „Ist unzufrieden mit den polit. Verhältnissen in der DDR, ist gegen die Raketenstationierung in der DDR, will Reisefreiheit“, protokollierte der Beamte im Dienst der Stasi. Der Antrag wurde erneut abgelehnt. Kurz wurde der Ton scharf, als Bittner sagte, dann müsse er sich etwas anderes überlegen. „Wie meinen Sie das?“, fragte der Beamte. Und bestellte ihn für den 26. November 1986 erneut ein. Ein Tag, den Bittner nicht mehr erlebte.

Als die Rockes an jenem Abend aus ihrem Taxi stiegen, hörten sie drüben Rufe, dann Schüsse. Frau Rocke glaubte sogar, Hände auf der Mauerkrone gesehen zu haben, sie schrie. Anwohner aus dem benachbarten Mehrfamilienhaus kamen auf die Straße, die West-Berliner Polizei wurde alarmiert, sie traf gegen 1.45 Uhr ein, ebenso die französische Feldgendarmerie.

Die Hände, falls sie denn wirklich zu sehen waren, müssen Michael Bittner gehört haben. Denn dass er es war, der hier die Flucht versuchte, wenigstens in diesem Punkt darf man der Akte, die die Hauptabteilung I des Ministeriums für Staatssicherheit noch in derselben Nacht anlegte, wohl trauen. In vielen anderen Punkten jedoch wurde gelogen und betrogen, vertuscht und verschleiert. Standhaft behaupteten sie später im Ost-Berliner Polizeipräsidium, Bittner sei tatsächlich in den Westen gelangt. „Er wird beschuldigt, landesverräterische Agententätigkeit und einen ungesetzlichen Grenzübertritt begangen zu haben“, heißt es im Haftbefehl, den das Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte am 4. Dezember 1986 erließ: Bittner habe sich ausschleusen lassen, von einer kriminellen Menschenhändlerbande aus dem Westen.

Mit einer Leiter näherte er sich der Mauer

Tatsächlich hatte sich der 25-Jährige eine Holzleiter aus zwei Teilen zusammengenagelt. Mit der näherte er sich im Dunkel der Nacht an jenem für ihn fatalen 24. November der Hinterlandmauer. Um 1.19 Uhr nahm er diese Hürde. Die Stelle war gut gewählt, der Streifen zwischen beiden Grenzbefestigungen war hier ungewöhnlich schmal.

Was Bittner nicht wusste: Nur drei Tage zuvor waren die beiden Ost-Berliner Manfred Mäder und René Groß erschossen worden, als sie versucht hatten, mit einem Lkw die Grenze zwischen Treptow und Neukölln zu durchbrechen. Und im Sicherungsabschnitt, den Bittner gewählt hatte, war bereits zwei Wochen vorher, am 12. November, ein „Grenzdurchbruch“ erfolgt, wie es in den Akten heißt. Zusätzliche Posten standen nun hier.

Irgendwie musste Bittner seine Leiter auf die andere Seite bekommen. Beim Balancieren auf der Mauerkrone berührte er den Signaldraht. Die Rundumleuchte flammte auf, gleichzeitig ertönte ein Alarmton. Bittner zog die Leiter mit sich und rannte los. Er hatte knapp 20 Meter vor sich bis zur zweiten Mauer.

240 Meter weiter bemerkten ihn die beiden Grenzsoldaten Hartmut B. und Olaf N. Letzterer war 30 Jahre alt und als Reservist für sechs Wochen einberufen worden, sein 20-jähriger Kollege leistete seit einem Jahr seinen Wehrdienst ab, er war der Postenführer. Noch am selben Tag wurde der ältere Hartmut B. durch die Hauptverwaltung I der Stasi befragt. Das Protokoll fiel etwas holprig aus: „Ich und mein Posten bewegten uns im Laufschritt in Richtung, dabei luden wir unsere Waffen und ich tätigte zweimal den Zuruf und Warnschuß Dauerfeuer. Der Grenzverletzer war aber in der Zeit schon feindwärts des 1. KS, so daß ich nur noch als letzte Möglichkeit die Anwendung der Schußwaffe zur Verhinderung des Grenzdurchbruchs sah.“ Beide Posten schossen kniend, Hartmut B. gab dabei einen Feuerstoß ab, „in der Aufregung hatte ich Dauerfeuer eingestellt“.

„Kennen Sie sich mit der Kalaschnikow aus?“, fragt 30 Jahre später Bernhard Jahntz, auf einem Bürostuhl sitzend. Jahntz war in den 90er Jahren Abteilungsleiter der Berliner Staatsanwaltschaft II und zuständig für die Strafverfolgung der politischen Führung der DDR. Viele Grenzsoldaten, sagt er, hätten in den Mauerschützenprozessen damals ausgesagt, dass sie in der Aufregung nur aus Versehen auf Dauerfeuer geschaltet hatten. Doch bei der Kalaschnikow sei es so, dass der Sperrhebel in der oberen Stellung die Waffe sichere, in der Mitte Dauerfeuer freigebe und unten auf Einzelfeuer schalte. Drücke man den Hebel also aus Versehen komplett durch, lande man nicht bei Dauer-, sondern bei Einzelfeuer.

Hartmut B. gab 24 Schuss ab, Olaf N. acht im Einzelfeuer. Bittner hatte, als ihn zwei Kugeln in den Rücken trafen, auf seiner Leiter die vierte oder fünfte von 13 Stufen erreicht, er könnte also tatsächlich bereits die Hände an der Mauerkrone gehabt haben, wie es mehrere West-Berliner Zeugen später aussagten. Rückwärts fiel er von der Leiter. Kurz darauf fuhren zwei andere Soldaten mit einem Kübelwagen vom Typ Trabant vor. Sie schleiften Bittner durch den Sand zum Fahrzeug und brachten ihn weg.

Jahre später bekam Irmgard Bittner eine mysteriöse Postkarte zugestellt, ohne Absender. Sie hat sie weggeworfen, erinnert sich aber noch an einen Satz. Die Autopolster hätten damals ausgetauscht werden müssen, so sehr habe ihr Sohn im Wagen alles vollgeblutet, behauptete der anonyme Schreiber.

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