Berlin : Verspätet

Christian van Lessen

wundert sich über die Uhren am Roten Rathaus Nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, ist peinlich. Schon gar für ein Rathaus, das so modern und weltoffen sein will. Schon Ende März hatten die Uhren am Roten Rathaus die Umstellung auf die Sommerzeit tückisch verweigert. Sie blieben im Winter, irritierten die Betrachter und animierten sie zu den üblichen Spottfloskeln: Im Rathaus ticken sie nicht richtig, höhnten die Leute vorm Haus und verglichen die Zeit oben mit ihren Armbanduhren unten. Drinnen waren sie so mit dem Regieren beschäftigt, dass sie die Zeichen der Zeit zunächst nicht mitbekamen. Nach zweieinhalb Tagen war ein geheimnisvoller Defekt an der Funksteuerung erkannt. Das Rathaus wurde verzögert auf Sommerzeit eingestellt. Das sensible Uhrwerk ließ sich knapp drei Wochen aufs neue Spiel ein, bis es vor wenigen Tagen wieder den Rückwärtsgang einlegte und in den alten Trott der Winterzeit verfiel. Wieder hagelte es Spott. Am Montag versicherten die Leute im Rathaus, der Schaden sei behoben. Wieder wurde ein geheimnisvoller Defekt ausgemacht. Nun sei wieder Sommerzeit, zum zweiten. Aber insgeheim grübeln sie, warum das wieder passiert ist. Und was da wohl alles noch kommen mag, ob es dann bei einer einzigen Stunde bleibt? Und ob da vielleicht doch die Opposition dran dreht, weil sie sich, wie auch immer, sehnlichst eine andere Zeit zurückwünscht.

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