Berlin : Verstecken, das ist keine Antwort

Nach mehreren Überfällen sind orthodoxe Juden in Berlin verunsichert. Ein Spaziergang mit zwei Rabbinern

Amory Burchard

Zwei vollbärtige Männer in schwarzen Anzügen gehen den Kurfürstendamm hinunter. Die beiden sind ins Gespräch vertieft. Sie sprechen über das, was dem Jüngeren von beiden passiert ist. Der 19-jährige Chaim Hillel Zyslin, ein aus Jerusalem stammender Nachwuchsrabbiner, wurde im Mai auf einer Straße in Neukölln von drei arabisch aussehenden Jugendlichen ins Gesicht geschlagen. Sein Lehrer, Rabbiner Yehuda Teichtal, sagt im Gehen: „Unsere Antwort auf die Dunkelheit ist das Licht. Wir sollen uns nicht verstecken, sondern weitermachen voller Kraft und stolz auf unser Ziel zugehen.“

So gehen Chaim Hillel Zyslin und Yehuda Teichtal weiter über den Ku’damm. Teichtal ist Direktor der jüdischen Organisation für die religiöse Erziehung „Chabad Lubawitsch“. Das Chabad-Lehrhaus und die Synagoge liegen in der Augsburger Straße, ein paar Schritte sind es nur zum oberen Ende des Ku’damms; der Rabbiner wohnt am unteren Ende. Chaim ist einer von zehn Jungrabbinern aus Israel und den USA, die im Berliner Chabad-Zentrum ihre Ausbildung mit einem einjährigen Studium und praktischer Arbeit mit jüdischen Kindern vollenden. In seiner Freizeit besucht Chaim oft seinen Lehrer.

Am geheiligten Schabbat, wo schon Busfahren als Arbeit gilt, gehen Teichtal, Zyslin und die anderen Lubawitscher grundsätzlich zu Fuß; unschwer zu erkennen auch an den traditionellen schwarzen Hüten und den vier Gebetsfäden, die aus den Rockschößen hervorgucken. Die beiden fragen sich, ob orthodoxe Juden überhaupt noch über den Ku’damm laufen sollten. Oder doch lieber über die parallel verlaufende, von Passanten weniger frequentierte Lietzenburger Straße?

Das diskutieren orthodoxe Juden in Berlin nicht erst seit Chaims Zusammenstoß mit den Jugendlichen in Neukölln. Im März dieses Jahres ist Chaims Mitschüler, der junge Amerikaner Mendel Druk, vor einer Touristenkneipe am Ku’damm zusammengeschlagen worden. Wieder sahen die Jugendlichen nach Aussagen von Zeugen „arabisch“ aus. Und nicht erst seit diesem Übergriff wissen sie bei Chabad: Von den Deutschen, die vor dem Café ihr Bier trinken oder den Boulevard entlangbummeln, ist keine Hilfe zu erwarten. Keiner half Ostern 2002 einem orthodoxen Rabbiner, der auch auf dem Ku’damm zusammengeschlagen wurde und keiner half Mendel. Nach ein paar Tagen brach der Jungrabbiner aus Detroit seine Berliner Station ab und kehrte nach Hause zurück. Seine Großmutter, eine Überlebende des Holocaust, hatte ihn darum gebeten.

Chaim Hillel Zyslin ist ein ganz anderer Typ als Mendel Druk, sagen sie in der Synagoge. Auf einem Gruppenfoto, das die zehn jungen Männer, mit Chabad-Direktor Teichtal und einem Oberrabbiner aus Israel, in diesem Januar vor dem Brandenburger Tor machen ließen, stehen Chaim und Mendel nebeneinander. Chaim, breitschultrig, üppiger Vollbart, hat die Hände in den Hosentaschen und blickt hoch erhobenenen Hauptes in die Kamera. Mendel, ein schmaler Junge mit zartem Oberlippen- und Kinnbart; sein Blick geht träumerisch über den Pariser Platz. Chaim ist es denn auch anders ergangen als Mendel.

Am 13. Mai ist Chaim auf einer Straße mitten in Neukölln angegriffen worden. Drei Jugendliche pöbelten ihn im U-Bahnhof Karl-Marx-Straße vom gegenüberliegenden Bahnsteig aus an. „Scheiß–Jude“ haben sie gerufen und andere Dinge, die Chaim nicht wiederholen möchte. Er habe nicht auf die Rufe der etwa 15- bis 16-jährigen dunkelhaarigen Typen reagiert, sagt Zyslin, sondern sich auf den Weg zu seiner Verabredung gemacht; die Treppe hoch, zur Straße. Die Jugendlichen kamen hinterher und stellten sich vor ihm auf.

„Bist du Jude?“, fragten sie Chaim. Er versteht und spricht Deutsch, und aus dem Auftreten und der Sprechweise der Jungs habe er auch verstanden: Das sind Araber, Palästinenser vielleicht, die in Berlin die Intifada ihrer Brüder in der Heimat austragen wollen. Um Distanz zu schaffen, fragte Chaim zurück: „Do you speak English?“ Die Antwort war ein Faustschlag in Chaims Gesicht. Zyslin stieß den Schläger mit beiden Händen vor die Brust. „Er fiel hin, ich ging zu meiner Verabredung“, sagt Chaim.

Am Rande des Kiddusch-Mahles am Schabbat erzählen es seine Glaubensbrüder ein bisschen anders: Chaim habe es denen richtig gegeben, sagt einer. „Brauchte er Hilfe von Deutschen? Guck’ dir Chaim doch an.“ Fassungslos haben die Beter in der Augsburger Straße Medienberichte über den Übergriff gelesen: Kein Wort davon, dass Chaim sich gewehrt habe. Und von „Schläfenlocken“ war da die Rede, obwohl doch nur die in den Bart übergehenden Koteletten die Haut vor dem Ohr bedecken – wie es die jüdische Tradition vorschreibt. Das Klischeebild des demütigen Gettojuden werde so transportiert, kritisiert Donnell Reed, ein Amerikaner und Mitglied der Chabad-Gemeinschaft, der in Berlin ein Übersetzungsbüro leitet.

Was macht ein orthodoxer Jude in Neukölln, an diesem sozialen Brennpunkt, wo aus einigen Viertel schon die türkischen Familien wegziehen, weil arabische Clans die Gegend unsicher machen? Schon der Ku’damm gilt doch als unsicheres Pflaster. Chaim Hillel war auf dem Weg zu einem in Neukölln arbeitenden Grafiker. Der entwirft die Broschüren, die Chabad Lubawitsch den Juden von Berlin – und ihren Kindern – als Unterrichtsmaterial in die Hand gibt. Diesmal wollte Chaim das Heft über die Mesusa abholen, jene Schriftkapsel, die gläubige Juden an ihren Türpfosten anbringen, auf dass sie das Böse abhalten. Chaim war nicht aufzuhalten, sagt Rabbiner Teichtal mit Stolz. Er holte die Broschüren ab und am nächsten Tag erklärte er Grundschülern im Grunewald im Religionsunterricht die Bedeutung der Mesusa. Das sei das beste Beispiel für die Philosophie von Chabad Lubawitsch, die da lautet: „Eine Mizwa (gute Tat). Ein Jude. Schritt für Schritt erreichen wir unser Ziel.“

Und so gehen Chaim Hillel und Yehuda Teichtal weiter über den Ku’damm, scheinbar ins Gespräch vertieft. Unter den Hutkrempen aber wandern ihre Augen nach links und rechts. Sie registrieren die Blicke der anderen Passanten. Eine Gruppe deutscher Berlin-Touristen, die vor einem Internetcafé auf ihren Reisebus warten, drehen die Köpfe nach den beiden orthodoxen Juden. Als sie an der Querstraße stehen bleiben, starren die Männer unverwandt herüber. Wie empfinden Zyslin und Teichtal die Blicke?

Chaim antwortet schnell und mit Empörung in der Stimme: „Diese Leute können es vielleicht nicht glauben, dass wir 58 Jahre nach dem Ende des Krieges auf der Straße sind.“ Sein rundes Jungengesicht rötet sich. Der Krieg, sagt er, hatte das Ziel, alle Juden umzubringen. „Und jetzt sind wir wieder da.“ Zyslin weiß, die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat 12 000 Mitglieder. Aber kaum einer der Männer, ob sie nun liberal oder orthodox gesonnen sind, geht auch nur mit der kleinen runden Kippa auf dem Hinterkopf auf den Ku’damm. Ein amerikanischer Pianist, der in der Augsburger Straße betet, setzt sich auf dem Nachhauseweg einen kakifarbenen Sonnenhut über die Kippa. Er sei ja kein Rabbiner sagt er, er müsse die Gemeinde nicht unbedingt in der Öffentlichkeit vertreten.

Anders als die tiefreligiösen Jungrabbiner geben er und andere gemäßigte Orthodoxe sich auf der Straße nicht als Juden zu erkennen. Aber dass das für einen Juden in der deutschen Hauptstadt überhaupt ein Thema ist, gehört für den Übersetzer Donnell Reed zu den „roten Linien“, die zwischen Juden und Deutschen allzu oft überschritten werden. Und noch etwas regt ihn auf: Wenn Übergriffe wie der auf Chaim Hillel in einem Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt gebracht werden. Verständnis für die Aggressionen der arabischen Jugendlichen, Unverständnis für Orthodoxe, die „demonstrativ“ über den Ku’damm gehen? Reed hat diese Einwände schon öfter von Nichtjuden gehört.

Yehuda Teichtal wiederspricht Reed und auch seinem Schüler Chaim. Er sagt, die Blicke auf dem Ku’damm seien gute, neugierige Blicke. Teichtal will über das Gute reden, das Chabad Lubawitsch in Berlin bewirkt. Er sollte den ganzen Tag so spazieren gehen, sagt Teichtal, denn das bringt viele Kontakte. Der Rabbiner denkt dabei an Juden, die über so eine zufällige Begegnung zu Chabad gekommen sind. Oder an den alten Mann, der ihn einmal auf dem Potsdamer Platz ansprach, wohin Teichtal mit ein paar Dutzend Sonntagsschulkindern einen Ausflug machte. „Wenn ich diese glücklichen jüdischen Kinder mitten im alten Zentrum Berlins sehe, ist das die beste Rache an Hitler“, habe der Mann gesagt.

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