Berlin : Verstehen ist Nebensache

Herta Däubler-Gmelin rätselt über den Paulus-Brief an die Epheser

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BIBELARBEIT

Epheser 1,314: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit…“

Nichts verstanden? Dann geht es Ihnen wie Herta Däubler-Gmelin. „Ich musste die Stelle mehrmals lesen, um irgendeine Idee zu kriegen, was gemeint sein könnte,“ sagte die Ex-Justizministerin. Hunderte Kirchentagsgäste, Schüler genauso wie Zwanzig-, Dreißigjährige und ältere Herrschaften waren am Donnerstag um 9 Uhr in die Messehalle 11 zur Bibelstunde gekommen. „Mit der Herta weiß man, was man hat“, sagte der 36-jährige Günther Meermann aus Bayern, „echt Berliner Schnauze, obwohl sie aus dem Süden kommt.“ Außerdem sei Bibelauslegung das „Elementarste“ überhaupt, da lohne sich das frühe Aufstehen und ungemütliches Sitzen auf Kirchentags-Papphockern. Und zwar eine Stunde lang. So lange versuchte vorne auf dem Podium Däubler-Gmelin dem Epheser-Brief einen Sinn zu entlocken. Das Ergebnis: Man soll die Bibelstelle gar nicht verstehen. Es komme auf den Klang der Worte an, auf das Beschwörende, Hymnische.

Genauso wie wenn man heute die Nationalhymne singe, das Weihnachtsoratorium höre oder die Präambel des Grundgesetzes lese: Verstehen ist Nebensache, Hauptsache ist das „Wir-Gefühl“.

Eines aber macht der Epheser-Brief doch auch inhaltlich deutlich: Er richtet seinen Segen an alle, „im Himmel und auf Erden“. Da gebe es keine Unterscheidung in gut oder böse, so Däubler-Gmelin, „und schon gar keine Vereinnahmung des Guten gegen die Achse des Bösen“ – für die Zuhörer das Stichwort für tosenden Applaus.

„Wie die gegen Bush gewettert hat, das ist die Herta, wie wir sie lieben“. Meermann ist auf seine Kosten gekommen. Nicht so die Berliner Schüler, die ihre Lesart des Epheser-Briefes zuvor vorgetragen hatten. Sie hätten gerne mit der Politikerin darüber gesprochen und fühlten sich nicht ernst genommen.clk

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