Berlin : Versteigerung: Den Bolle-Band will niemand kaufen

Christian Domnitz

Die "taz"-Fans sind begeistert, als ein Anonymus die Schwindel erregende Summe von 700 Mark für fünf Jahrgänge "tageszeitung" bietet: Die Beträge, die andere Bieter zur Auktion der gebundenen Zeitungen aus den 80-er Jahren rufen, sind viel niedriger. Das Archiv der "taz" quillt über, was zu viel ist, wird verkauft. 1700 Mark bringen die beiden Versteigerer, der Kabarettist Dr. Seltsam und die Alt-tazlerin Imma Harms am Sonntagnachmittag im Redaktionshaus in der Kochstraße zusammen. Das Geld erhalten linke Aktivisten, die sich in teuren Gerichtsverfahren befinden.

Die chronisch klamme "taz" kann nun 400 Mark Miete für einen Archivraum sparen. Die verbleibenden drei 80-er-Jahre-Sätze finden in den eigenen Räumen Platz. "Früher bekam jeder Redakteur zum zehnten Dienstjahr einen taz-Komplettsatz", sagt Harms. Doch nur noch wenige hätten das gewichtige Geschenk gewollt, und so blieben die Bände in dem extra angemieteten Keller liegen.

In großen Umzugskisten haben sie die schweren Bände in den Raum gebracht, in dem sich sonst die Redaktionsrunde zur Tageskonferenz trifft. Der Archivar teilt Sekt aus. "Sie können das Papier auch verheizen, wenn Sie wollen", sagt Auktionator Dr. Seltsam großzügig.

Nur ein Mal geht es zu wie auf bei einer richtigen Auktion: Fünf Bieter - unter ihnen auch Redakteure - interessieren sich für den ältesten Band aus dem Jahr 1979: Mindestgebot zehn Mark, dann bieten sie, bis über hundert Mark. Dr. Seltsam schlägt den Hammer auf den Tisch: "... zum Dritten!" Für 125 Mark geht das Museumsstück weg. Die Versteigerer preisen die grünen Bücher als historische Dokumente: Im 87er-Band sei der brennende "Bolle"-Markt in Kreuzberg zu sehen, mit der Zeile "Wer Bolle anzündet, muss auch die Feuerwehr durchlassen." Die "Erich nimm mit"-Sonderausgabe sei auch darin - eine "taz" im Layout des "Neuen Deutschland" zum Honecker-Besuch in der Bundesrepublik. Ein Wermutstropfen: Zeitungen aus der Wendezeit 1989 werden nicht versteigert.

Beim 87er-Band läuft die Auktion andersherum: Dr. Seltsam zählt von Hundert herab bis zum Mindestgebot - wer zuerst ruft, bekommt ihn. Die Sache geht nach hinten los: 1987 will keiner. Dr. Seltsam zieht die Konsequenz: Zusammen mit Imma Harms beugt er sich über den geöffneten Band, sie reißen die Seiten heraus und werfen sie in die blaue Papiertonne gleich neben dem Auktionstisch: "Nur für Tageszeitungen" steht auf dem Deckel.

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