Versteigerung : Überraschung unter der Motorhaube

Knapp 400 Autos versteigert eine Behörde im Pankower Norden. An Händler und Privatpersonen, Berliner und Ausländer. Der Bezirk verdient ordentlich mit.

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Männer, die auf Autos starren. Und wie so oft gilt hier ganz besonders: aufs Kleingedruckte achten. 
Männer, die auf Autos starren. Und wie so oft gilt hier ganz besonders: aufs Kleingedruckte achten. Foto: Georg Moritz

Berlin - Wagen Nummer 15 ist eine schwarz lackierte Wundertüte. Wo vorne links einmal Kotflügel und Motorhaube waren, klafft ein Loch, die Ränder angerostet. Nummer 15 fährt offensichtlich schon etwas länger nicht mehr. „Motor?“ steht in der Versteigerungsliste, was bedeutet, dass niemand weiß, was sich unter der verbeulten Motorhaube verbirgt.

Keine Ahnung, ob der Wagen noch fährt, wie stark der Motor beschädigt ist, was eine Reparatur in etwa kosten würde. Streng genommen kann niemand mit Sicherheit sagen, ob Nummer 15 überhaupt noch einen Motor hat. Auch das junge Pärchen nicht, das am Freitagvormittag über den Parkplatz im Pankower Ortsteil Heinersdorf läuft, auf der Suche nach einem günstigen Auto. Bis zu 4000 Euro würden die zwei für einen Wagen ausgeben – den sie vorher nicht einmal probefahren dürften. Nur gucken ist erlaubt, wer später bei der Versteigerung im Bezirksamt Prenzlauer Berg den Finger hebt, macht das auf eigenes Risiko.

Das ist der Haken an der Zwangsversteigerung, die das Amt für regionalisierte Ordnungsaufgaben an diesem Freitag veranstaltet. Unter den Hammer kommen knapp 400 Autos, die so lange auf den Straßen herumstanden, bis das Kennzeichen abgelaufen war. Ebenso wie Wagen, für die die Besitzer die Raten nicht mehr bezahlen konnten oder Wagen, deren Besitzer gestorben sind und keine Erben hinterlassen haben.

„Das sind oft auch tragische Schicksale, die sich da abgespielt haben“, sagt der Sicherheitsmann, schwarze Mütze, gelbe Warnweste, und zeigt auf einen Ford, auf dessen Rückbank sich Kindersitze und Spielzeug stapeln. Nummer 15 scheint da unbedenklicher: Zwei leere Dosen Eistee klemmen in der Fahrertür, wer den Wagen ersteigert, hat so auf jeden Fall schon mal 50 Cent Pfand sicher.

Stunden später in der zweiten Etage des Bezirksamtes: Stau vor dem Sitzungssaal. Bis ins Erdgeschoss stehen die Interessenten und warten auf Einlass, Männeranteil geschätzt 98 Prozent, Einheimische und Ausländer ebenso wie Privatkäufer und Autohändler. Ob Häuser, herrenlose Koffer oder Autos: Zwangsversteigerungen sind Termine für Schnäppchenjäger; „Skrupel darf man da keine haben“, sagt ein 59-jähriger Berliner, Bastler und Frührentner, „So dicke habe ich’s auch nicht“, fünf Autos für jeweils ein paar hundert Euro stünden bei ihm auf dem Hof, mehr oder weniger kaputt, an denen er herumschraube in der Hoffnung, sie mit Gewinn später verkaufen zu können.

Zwei Italiener stehen vor der Tür, rauchen und fachsimpeln. „Die Wagen kann man vorher anschauen?“, fragen sie ungläubig, als sie gefragt werden, welches Auto sie kaufen wollen. Den zwei Männern aus Apulien reichen die Fotos, die der Auktionator auf eine Leinwand projiziert. Egal, bei Startgeboten von nur 50 Euro kann man sich offensichtlich auch den einen oder anderen Fehlkauf leisten. Autoexperten unter sich, die Händler erkennbar an ihrer souveränen Bieterstrategie: Einmal den Arm in die Höhe gestreckt bleibt er dort, bis alle anderen Arme wieder sinken und der Zuschlag erteilt wird.

Bis zu 200 000 Euro verdiene das Bezirksamt Lichtenberg, das die Versteigerungen für alle herrenlosen Autos der ganzen Stadt durchführt bei einer Auktion, sagt der Auktionator. Zu einer so großen Summe kann Nummer 15 nicht viel beisteuern. Bei 200 Euro fällt der Hammer. Macht also 199,50 Euro für den neuen Besitzer, Pfand mit eingerechnet.

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