Versteigerung : Wodkagläser inklusive

Leonid Breschnews alter Mercedes 600 kommt im Internet unter den Hammer. In den 60er Jahren galt das Modell als bestes Auto der Welt. Zur Bewältigung internationaler Konflikte bietet dieses Auto auf jeden Fall entscheidende Vorteile.

Thomas Loy
Mercedes 600
Oldtimer mit sowjetischer Vergangenheit. In diesem Mercedes 600 ließ sich einst der Kremlchef chauffieren. -Foto: Uwe Steinert

BerlinDas Radio „Becker Grand Prix“ liefert störungsfrei diverse Nachrichtensender, die Rückbank ist weich gefedert und lässt sich hydraulisch vor und zurückbewegen. An zentraler Stelle, dezent unkenntlich gemacht, befindet sich die Bar mit Platz für zwei Wodkaflaschen und vier Gläser. „Na sdorovje, Fidel! – Na sdorovje, Leonid!“

Historisch belegt ist das Zuprosten zwischen den Diktatoren Breschnew und Castro nicht, aber der künftige Besitzer dieses eleganten schwarzen Mercedes 600 kann es sich zumindest mit gutem Gewissen einbilden.

In 21 Tagen fällt der Hammer

Das Auto, 1966 erstmals zugelassen, gehörte einst zum Fuhrpark des Kremlchefs. Jetzt wird der gut erhaltene Oldtimer im Internet (www.zoll-auktion.de) versteigert. Das aktuelle Gebot liegt bei 60.000 Euro. In 21 Tagen fällt der Hammer. Ein Gutachter hat den Wert der Edelkarosse auf 105 000 Euro geschätzt. Der „Sechshunderter“ wurde in kleiner Stückzahl von Hand gebaut und galt in den 60er Jahren als „das beste Automobil der Welt“. Päpste, Scheichs, Magnaten und Popgrößen wie John Lennon ließen sich das Auto auf den Leib schneidern – Listenpreis damals: rund 150.000 Mark.

Auch kommunistische Potentaten fanden Gefallen an der innovativen Technik (Fensterheber, Servolenkung und Zentralverriegelung), dem schicken Radio und dem vielen blitzenden Chrom. Auch der Einbau eines Fernsehers soll möglich gewesen sein. Mao Tse-tung und Marschall Tito gehörten einst zur exklusiven Gemeinde der 600er-Besitzer.

In welche Hände das Auto kam, als der Kreml es aussortierte, ist unbekannt. 1991 wurde es nach Deutschland überführt, seit einigen Jahren befindet es sich im Gewahrsam des Finanzamtes Potsdam. Ein Pfandsiegel klebt auf der Windschutzscheibe. Das Amt will sich zu den Umständen der Verpfändung nicht äußern.

Gewisse Sicherheitsmängel sind nicht abzustreiten

Yvo Konzag vom Oldtimer-Center Meilenwerk in Moabit ist einer der wenigen Menschen, die das Auto gefahren haben. Er genießt es immer noch. „Es fährt sich sehr gut.“ Der Spritverbrauch liegt bei rund 25 Litern auf 100 Kilometer. Als Oldtimer darf das Auto aber ohne Plakette in die neue Umweltzone fahren.

Das Lederpolster ist mausgrau, das gefällt nicht jedem. Auch der grazile Schalthebel am Lenkrad entspricht kaum neuzeitlichen Fahrgewohnheiten. Familienfreundlich ist dagegen die durchgezogene Sitzbank vorne und das Schiebedach hinten. So lassen sich quengelnde Kinder besser ablenken. Nur leider fehlen die Sicherheitsgurte.

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