Berlin : Verstummen vor den neuen Medien

KLAUS WIEKING

BERLIN .Immer mehr Kinder haben immer mehr Schwierigkeiten, sich schriftlich und mündlich auszudrücken - so das Ergebnis der Studie, die das Sprachvermögen Weddinger Erstklässler untersuchte.Dieser Trend ist jedoch keineswegs druchgägngig, der Spracherwerb hängt ganz wesentlich von der sozialen Situation des Kindes ab.

Sprachverlust geht nach Meinung der meisten Wissenschaftler mit dem Verlust traditioneller Familienstrukturen einher.Gerade im großstädtischen Raum gibt es immer weniger intakte Kleinfamilien, so daß viele Kinder ohne Geschwister bei nur einem Elternteil aufwachsen.Die Familie ist aber der wichtigste Ort der Spracherziehung."Der lexikalische Sprachschatz und das grammatische Vermögen hängen davon ab, wie in der Familie gesprochen wird", sagt Marion Bergk, Professorin am Institut für Schulpädagogik an der Humboldt-Universität.Ganz wesentlich sind laut Frau Bergk auch die soziale Lage und der Bildungsgrad des Elternhauses.Gut ausgebildete Eltern würden sich stärker um die Spracherziehung ihrer Kinder kümmern.Die

Doch auch die Bildungsideale sind ins Wanken geraten, viele Eltern sind verunsichert, ob und wie sie grenzziehend in das Leben ihrer Kinder eingreifen sollen.Oft ist Schweigen die Folge: "Argumente werden nicht mehr ausgetauscht", konstatiert Gerd Hoff, Professor im Fachbereich Erziehungswissenschaft an der Freien Universität.

Gleichzeitig wird das Gespräch durch Medienkonsum ersetzt, wobei Jugendliche zumeist wesentlich souveräner mit Medien umgehen als ihre Eltern.Neben der eigenen Musikanlage und dem Fernsehgerät haben immer mehr Kinder auch einen eigenen Computer, vor dem sie, zumeist allein, hocken.Die Folge ist auch hier ein Schwund an direktem sprachlichen Kontakt."Die Kommunikationsanlässe nehmen ab", meint Erziehungswissenschaftler Hoff.Bei den Kindern ausländischer Herkunft kommt der Mangel an deutschen Sprachkenntnissen im Elternhaus hinzu, wobei sich dieser Zustand entgegen früherer Erwartungen verfestigt hat.Viele Ausländer suchen sich noch immer in ihrem Heimat einen Ehepartner, so daß sich das Sprachproblem der 1.Einwanderergeneration häufig anch noch in der dritten Generartion stellt.

Daß zwischen dem oft außerordentlich hohen Medienkonsum von Kindern und dem tatsächlichen oder vermeintlichen Sprachverlust ein Zusammenhang besteht, ist indes nicht sicher, denn nicht wenige Wissenschaftler behaupten das Gegenteil."Das Sprachvermögen ist sicher gewachsen", meint Professor Dieter Lenzen von der Freien Universität Berlin.Die durch die Medien vergrößerte Umweltwahrnehmung führt seiner Meinung nach zu einem differenzierteren Bewußtsein.Die immer wieder in Studien dingfest gemachten Sprachschwierigkeiten führt er unter anderem auf empirische Mängel zurück.So müsse man beispielsweise bei der aktuellen Studie aus dem Wedding fragen, ob an ihr auch Klassen einbezogen wurden, in denen lernbehinderte Kinder integriert sind.Dies würde sich natürlich im Ergebnis niederschlagen.Außerdem führe das gestiegene Durchschnittsalter der Lehrerkollegien dazu, daß sie die Jugend nicht mehr verstünden."Das Fremdheitserlebnis wächst", so Lenzen.

Da die Familie als Lern- und Erziehungsort oft ausfällt, muß die Schule das pädagogische Vakuum füllen.Hierzu sind neue Konzepte erforderlich.Weniger Frontalunterricht, dafür mehr Partner- und Gruppengespräche, will beispielsweise Marion Bergk.Lenzen fordert neben einem größeren Anteil des sogenannten "offenen Unterrichts" außerhalb des Klassenverbandes den verstärkten Einsatz des Computers und die Entwicklung entsprechender Lernsoftware.

Ganze Sätze sind ein Problem

Erstkläßler haben erschreckend schlechte Deutschkenntnisse

BERLIN (se).In Wedding haben Experten erstmals in Berlin die sprachlichen Fähigkeiten von Erstkläßlern untersucht.Das Ergebnis dieser sogenannten Sprachstandserhebung ist erschreckend: 46 Prozent der getesteten Kinder verfügen nur über mangelhafte deutsche Sprachkenntnisse und brauchen Förderunterricht.Ingesamt wurden 1594 Erstkläßler dem Sprachtest unterzogen.Darunter waren 603 (38 Prozent) Kinder deutscher Herkunft und 991 (62 Prozent) Schüler nichtdeutscher Herkunft.733 der getesteten Schüler wiesen einen erheblichen Förderbedarf auf.Darunter waren auch rund 50 Kinder deutscher Herkunft.

Der Test, den der Leiter des Landesschulamtes, Wolfgang Schimmang, für sehr aussagekräftig hält, dauert etwa 20 Minuten.Dabei wird die Hör- und Sprechfähigkeit der Kinder auf verschiedenen sprachlichen Ebenen geprüft.So wurden die Kinder zunächst auf ihren passiven Wortschatz getestet und sollten auf Fragen der Lehrer bestimmte Gegenstände auf Bildern zeigen."Schließlich mußten sie ganze Sätze bilden, was einem großen Teil ausländischer Kinder sehr schwer fiel", sagte Schimmang.

Nach der Auswertung sind 176 Schüler, kaum in der Lage, dem Regelunterricht zu folgen.220 von ihnen haben erhebliche Probleme, vollständige Sätze zu bilden und 337 sind in der Satzbildung sehr unsicher.Hierzu gehören die 50 Schüler mit deutscher Muttersprache."Für uns ergibt sich daraus die Konsequenz, daß wir Förderunterricht punktuell auf die unterschiedlichen Probleme der Schüler anbieten müssen", sagte Schimmang.Zudem müsse jetzt die Schulaufsicht darüber beraten, ob dieser Test auf alle anderen Berliner Schulen angewandt werden sollte."Zwar gibt es schulinterne Sprachstandserhebungen, eine einheitliche Vorgehensweise gibt es aber noch nicht", sagte Schimmang.

Erschreckend seien die Erkenntnisse über die Probleme der Schüler mit deutscher Muttersprache."Es gibt offenbar immer mehr Familien, in denen nicht mehr gesprochen wird", sagt sie.Die Kinder säßen häufig vor dem Fernseher oder beschäftigten sich mit ihrem Game-Boy.Bücher bekämen sie nicht mehr, und viele kämen aus ihrer gewohnten Umgebung nicht heraus.Dieses Phänomen gibt es vor allem in den von der Innenstadtkonferenz als besonders förderungswürdige ausgewiesenen Gebieten.Um dem Problem zu begegnen wurden in Tiergarten, Wedding, Kreuzberg, Schöneberg und Neukölln 50 zusätzliche Stellen für Förderunterricht eingerichtet.Insgesamt gibt es in Berlin 320 Stellen für den Förderunterricht an Schulen, die mit jeweils rund 90 000 Mark im Jahr zu Buche schlagen.

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