Berlin : Verstummte Adelsmelodie

Turm der Gedächtniskirche wird bald saniert Deshalb wird bis 2012 das Glockenspiel abgeschaltet

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Die Melodie hat ein Prinz komponiert, bis vor wenigen Tagen schwebten ihre Klänge stündlich über den Breitscheidplatz, vom Schnee leicht gedämpft, vom Verkehrslärm ab und zu übertönt – doch nun ist es erst mal vorbei mit dem musikalischen Vergnügen: Das Glockenspiel im alten Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wurde abgeschaltet.

Der Aufbau des Gerüstes zur Turmsanierung hat jetzt die Glockenstube in 60 Metern Höhe erreicht. Erst nach Abschluss aller Arbeiten bis 2012 werden die Glocken wieder jene Melodie spielen, die Prinz Louis Ferdinand von Preußen – ein Enkel Kaiser Wilhelms II. – 1959 extra für die Gedächtniskirche komponiert hat. Bis dahin soll auch das Glockenspiel überholt werden, ebenso wie die vier gleichfalls angehaltenen Uhren an jeder Seite der Turmruine. Der teils marode Turm selbst wird ab dem kommenden Frühjahr von Grund auf saniert.

Ende der 50er Jahre hatte man begonnen, den von Bomben zerstörten Turm als Kriegsmahnmal so zu sichern, dass die Ruine erhalten blieb. Zugleich sollte der „hohle Zahn“, wie der Turm im Volksmund schnell hieß, nicht tot dastehen, sondern eine lebendige Funktion bekommen. Die Lösung war das Glockenspiel. Sogar ein Wettbewerb für eine passende Melodie wurde ausgeschrieben. Fünf Vorschläge gingen ein, unter anderem von Prinz Louis Ferdinand.

Der wurde 1907 geboren und stand von 1951 bis zu seinem Tod 1994 dem Hause Hohenzollern vor. Er engagierte sich für die Erhaltung der Turmruine sowie für den angrenzenden Kirchenneubau des Architekten Egon Eiermann; außerdem hatte er eine Passion fürs Komponieren. Bevor sich seine Melodie durchsetzte, wurden alle fünf Vorschläge genauestens angehört: Man nahm sie auf und spielte sie der Jury am Rathaus-Glockenspiel in Wolfsburg vor. Louis Ferdinands Melodie gibt es auch als Streicherversion. Zu seinen Ehren begann das letzte Benefizkonzert zugunsten der aktuellen Turmsanierung mit diesem Stück.

In Hessen wurde das bronzene Glockenspiel gegossen, 1960 war es erstmals am Breitscheidplatz zu hören. Das große Kirchengeläut hängt seither im neuen sechseckigen Glockenturm nebenan. Es sind sechs wesentlich größere Bronzeglocken. Die sanierte Turmruine hätte eine solche Last nicht tragen können. So laut wie die allerersten fünf Glocken der alten Kirche von 1895, die später zu Kriegszwecken eingeschmolzen wurden, ist das neue Geläut aber nicht. Damals soll der bronzene Klang derart mächtig gewesen sein, dass die Wölfe im Zoo nebenan laut zu heulen begannen. Christoph Stollowsky

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