Berlin : Versuch einer Rückkehr

Eine Berliner Initiative will die sterblichen Überreste von Leo Baeck von London nach Weißensee holen

Claudia Keller

Er hatte es schon fast aufgegeben. Keinem Friedhofswärter in London sagte der Name etwas. Nach Tagen fand Ronnie Golz aber schließlich doch, wonach er suchte: das Grab von Leo Baeck, dem wohl bekanntesten Berliner Rabbiner, der bis 1938 in Berlin ausharrte und den Nazis die Stirn bot. „Die Grabstelle ist ungepflegt“, sagt Ronnie Golz, „man sieht, dass sich keiner darum kümmert“. Er hat ein Foto gemacht. Unkraut überwuchert die Kieselsteine. Um Leo Baeck ein würdiges Andenken zu geben, hat Golz eine Initiative gestartet, um die sterblichen Überreste des Rabbiners nach Berlin zu holen und auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu bestatten.

In London gibt es zwar ein Leo-Baeck-Institut, das sich wissenschaftlich mit dem Erbe des führenden Vertreters des liberalen deutschen Judentums beschäftigt. Das Grab pflegen die Mitarbeiter aber nicht. Und Nachkommen von Leo Baeck gibt es in London auch nicht. Versuche, eine Patenschaft für das Grab in London zu übernehmen, sind gescheitert.

„In Weißensee liegt das deutsche Judentum begraben“, begründet Golz seine Initiative, „Leo Baeck war ihr wichtigster Vertreter.“ Er schätzt, dass die Berliner und die Touristen scharenweise zu dem Grab pilgern würden, während in London nur ein paar Eingeweihte überhaupt wüssten, wer Leo Baeck war.

Außerdem gibt es bereits eine Grabstelle in Weißensee. Leo Baeck hatte dort 1937 seine Frau Natalie beerdigt. Die Stelle daneben hatte er für sich vorgesehen und schon einen gemeinsamen Grabstein aufstellen lassen. Es kam jedoch anders. 1942 deportierten die Nazis den 69-Jährigen ins Ghetto Theresienstadt. Baeck überlebte und ging nach dem Krieg nach London, wo er 1956 starb.

Ronnie Golz, 1947 als Kind deutsch-tschechischer Juden in London geboren, lebt seit 1970 in Berlin. Er arbeitet als Künstler und Stadtführer und organisiert Seminare zu jüdischen Themen. 1998 hat er ein Wartehäuschen an einer Busstation in der Kurfürstenstraße mit historischen Fotos und Texten ausgekleidet. Sie erinnern daran, dass hier Adolf Eichmann sein „Judenreferat“ hatte, wo die Ermordung der europäischen Juden geplant wurde.

Für seine Idee, Leo Baeck nach Berlin „heimzuholen“, hat Golz Rabbiner Andreas Nachama gewonnen und Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße, sowie Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs. Auch Albert Meyer, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, unterstützt das Anliegen. „Wenn auch die Erben diesen Wunsch haben und die Rabbiner zustimmen, bin ich der letzte, der etwas dagegen hat“, sagt Meyer.

Golz hat herausgefunden, dass Leo Baecks einziges Kind, eine Tochter, von London in die USA ausgewandert und verstorben ist. Deren Tochter, Baecks Enkelin, hat er sein Anliegen vorgetragen. Sie sei „strikt gegen eine Überführung ihres Großvaters nach Weißensee“, antwortete Marianne C. Dreyfus, ohne Gründe zu nennen. Damit will sich Ronnie Golz nicht abfinden. Er hat ihr jetzt noch einmal einen ausführlichen Brief geschrieben und Fotos vom traurigen Zustand des Londoner Grabes mitgeschickt.

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