Berlin : Vertreibung infolge des Krieges - Deutsche und Polen erzählen

Peter Nöldechen

Berlin liefert dem polnischen Fernsehen selten Schlagzeilen, obwohl Warschau nur 600 Kilometer entfernt ist. Doch die Ausstellung "Und dann mussten wir raus" im polnischen Kulturinstitut war am Eröffnungstag die Spitzenmeldung in den Abendnachrichten.

Die Präsentation von Bildern und Dokumenten mit dem Untertitel "Wanderungen durch das Gedächtnis von Vertreibungen der Polen und Deutschen 1939 - 1949" war unter anderem schon im polnischen Chojna, dem früheren Königsberg / Neumark, zu sehen. Dem aus Krakau stammenden Soziologen und Adorno-Schüler Wanja W. Ronge war 1989 / 90 bei Fahrten durch die brandenburgischen und polnischen Dörfer und Städte beiderseits der Oder die "kulturelle Ödnis" dort aufgefallen.

Die Erklärung dafür fand er in der Tatsache, dass auf der deutschen wie der polnischen Seite Vertriebene leben. Doch das war in Polen wie in der einstigen DDR aus politischen Gründen jahrzehntelang ein Tabu. Die SED nannte die Flüchtlinge aus dem Osten "Umsiedler"; in Polen hieß die von den Sowjets befohlene Vertreibung aus Ostpolen paradoxerweise "Repatriierung".

Im Rahmen der "Alten-Kulturarbeit" organisierte Ronge ab 1992 regelmäßige Gesprächskreise und regte die Menschen an, über ihre Erlebnisse aus der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Dabei geht es nicht um Auf- oder Abrechnung, sondern um Austausch und Aufklärung. In Chojna, Slonsk (früher Sonnenburg bei Küstrin), ¿Osno (Drossen) und Witnica (Vietz) oder Eisenhüttenstadt, Lebus und Storkow schilderten Menschen ihre Erlebnisse bei Kriegsbeginn am 1. (und in Ostpolen) 17. September 1939, unter der deutschen Besatzung und während der Verschleppung der ostpolnischen Bevölkerung ab 1940 bis Sibirien und schließlich Flucht und Umsiedlungen nach Kriegsende.

Die Spurensuche im Gedächtnis der Menschen kann rechtzeitig vor dem EU-Beitritt Polens zum Abbau gegenseitiger Vorurteile beitragen. Vertriebene von hüben redeten mit Vertriebenen von drüben, um sich über das ihnen in der Vergangenheit zugefügte Leid auseinanderzusetzen. Die Geschichten gleichen sich und haben immer mit Gewalt zu tun. Und die Erinnerungserforschung nimmt den neuen Lebensorten, so betont Ronge im Katalog, ein Stück Anonymität, lässt sie - oder ihre Kinder - in der neuen Umgebung heimisch werden.

Was in Polen (und anderen osteuropäischen Ländern) in der Dekade ab 1939 geschah, war - wie jetzt im ehemaligen Jugoslawien - eine "ethnische Säuberung". Aber die Menschen brauchten mehr als ein halbes Jahrhundert, um zu begreifen, dass sie beiderseits der Oder Figuren in einem Spiel um Macht waren.Polnisches Kulturinstitut Karl-Liebknecht-Straße 7, Mitte, bis 16. März, Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr; Katalog 16,50 Mark

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