Vertrocknete Parks und Wiesen : Berlin, ein Steppenwitz

Grüne Metropole? Von wegen! Im Frühling scheinen wenige Sonnenstunden auszureichen, um die Parks dieser Stadt für den Rest des Jahres in Ödland zu verwandeln. Dass sich um die Renaturierung niemand kümmert, ist fatal.

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Grün sieht anders aus. Die Wiese im Sommer vor dem Reichstag.
Grün sieht anders aus. Die Wiese im Sommer vor dem Reichstag.Foto: dpa

Unternehmen sind immer ganz stolz darauf, wenn sie ein Alleinstellungsmerkmal haben. Das polieren sie täglich wie verrückt und zeigen es herum, wo sie nur können. Schließlich macht sie das attraktiv, zieht Kunden an, bringt Geld in die Kasse.

Übertragen auf die Stadt Berlin kennt die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal eigentlich nur eine Antwort: das viele Grün! Egal, ob Backpacker, Hollywoodstar, Immobilienhändler, Austauschschüler, Schriftsteller, Monteur oder Gastprofessor, egal ob Ur-Berliner, Zugezogener oder Übernachtungsgast, gefragt nach dem besonderen Reiz Berlins gegenüber anderen Großstädten fällt diese Antwort allen fast immer zuerst ein.

Man sollte nun denken, dieses Grün werde gehegt und gepflegt, um es richtig in Szene zu setzen, um die Besucher zu erfreuen und zu Blumen-Rasen-Selfies anzustacheln, auf dass noch mehr Geldbringer in die blühende Stadt gelockt werden. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die „Wiese“ vor dem Reichstag, um deren Verwahrlosung nun ein öffentlicher Streit entbrannt ist, mag ein exponierter Ort sein, sie ist aber keineswegs der einzige Platz in der Stadt, der schändlich vernachlässigt wird und verdorrt unter dem kleinlichen Gezänk der Institutionen. Von Hasenheide bis Tiergarten - dass Jahr für Jahr wenige Sonnentage reichen, um Berlins Parks für den Rest des Sommers in braune Steppen zu verwandeln, für deren Rekultivierung aber auch gar nichts getan wird, ist unmöglich.

Immer wieder hört man dann, dass für Grünpflege nicht mehr genug Geld da sei. Wie bitte? In einer prosperierenden Stadt, die sich jeden Monat neu über Touristenrekorde freuen darf, soll für den öffentlichen Erholungsraum nicht genug Geld da sein? Das liegt ja wohl nicht in erster Linie am Geld, sondern an falschen Prioritäten.

Kaum noch grün: Berliner Wiesen sehen im Sommer eher nach Steppe aus.
Kaum noch grün: Berliner Wiesen sehen im Sommer eher nach Steppe aus.Foto: dpa

Was ist das für eine Hauptstadt, in der die Brünnlein nicht mehr fließen, die Blümlein nicht mehr sprießen?

Damit ein Rasen den Sommer gut übersteht, müssen sich zu bestimmten Jahreszeiten Gärtner kümmern. Und klar, die muss man bezahlen. Der Mensch trennt sich aber nur von seinem Geld, wenn er die dafür angebotene Leistung auch will. Das ist hier offenbar nicht der Fall. Soll der Rasen doch stauben, bis er braun und gelb wird. Werden sich schon ein paar Umweltverschmutzer finden, die ein bisschen Müll drüberstreuen, damit man es nicht mehr so sieht.

Was ist das für eine Stadt, in der die Brünnlein nicht mehr fließen, die Blümlein nicht mehr sprießen? Ganz offensichtlich handelt es sich um eine Stadt, die größenwahnsinnig geworden ist angesichts steigender Immobilienpreise und großer Investitionen. Oder aber es handelt sich um eine Stadt, in der an den grünen Schalthebeln Asphaltjunkies sitzen, die auch an den schönsten Sommertagen allenfalls den Pflasterstrand in den Einkaufsstraßen aufsuchen. Sicher, manches lässt sich auch ehrenamtlich erledigen. Wenn zwei Wochen am Stück die 30-Grad-Grenze überschritten wird, ist es selbstverständlich, dass die Bürger mit der Gießkanne zu den Bäumen in ihrer Nachbarschaft eilen. Aber reguläre Pflege lässt sich nicht auf Ehrenamtliche delegieren. Oder sollen wir alle mit langen Gartenschläuchen in die Parks ziehen?

Steppe mit Pfütze. Nicht nur die Rasenfläche vor dem Reichstag ähnelt eher kargem Ödland.
Steppe mit Pfütze. Nicht nur die Rasenfläche vor dem Reichstag ähnelt eher kargem Ödland.Foto: dpa

Am Ende ist die Frage: Wozu zahlt der Mensch Steuern, wenn er sich nicht mal darauf verlassen kann, dass die Verantwortlichen in Stadt und Land einen achtsamen Umgang mit der Natur pflegen? Schließlich bilden deren Bewohner und Besucher eine Lebensgemeinschaft mit Bäumen und Blumen, mit Sträuchern und Rasenflächen. Es sagt viel über die Entscheidungsträger aus, wenn ihnen das nicht am Herzen liegt.

Vielleicht belebt ja die Konkurrenz das Geschäft. Andere Städte, die früher nicht so viel Wert auf Grünanlagen gelegt haben, rüsten gerade mächtig nach. New York prunkt mit sorgfältig gepflegten Grünanlagen wie dem Hudson River Park, der High Line oder dem Bryant Park. Anderswo wächst das Bewusstsein für Lebensqualität, in Berlin wird es weniger. Das Gesetz, nach dem die Ersten die Letzten sein werden und umgekehrt, droht Berlin nun ins Hintertreffen zu bringen. Es zu kennen, heißt aber auch, rechtzeitig gegensteuern zu können. Bevor alles zu sehr verkommen ist.

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