• Verunglücktes Kind in Berlin-Karlshorst: Behördenpanne trug zu tödlichem Unfall bei - keine Folgen

Verunglücktes Kind in Berlin-Karlshorst : Behördenpanne trug zu tödlichem Unfall bei - keine Folgen

Ein einziges Kind starb 2015 im Berliner Straßenverkehr. Am Unfallort hing ein vergessenes 50er-Schild. Juristisch bleibt das folgenlos.

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Die Unfallstelle. Am Tag des Unglücks parkte anstelle des Audis ein Lieferwagen in der Marksburgstraße. Er nahm dem 13-jährigen Erik auf dem Fahrrad und der entgegenkommenden Autofahrerin die Sicht.
Die Unfallstelle. Am Tag des Unglücks parkte anstelle des Audis ein Lieferwagen in der Marksburgstraße. Er nahm dem 13-jährigen...Foto: Stefan Jacobs

Es war einer der besonders tragischen Verkehrsunfälle der vergangenen Jahre, er wurde durch eine Behördenpanne möglicherweise begünstigt – aber seine juristische Aufarbeitung endete folgenlos. Das Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen eine Frau, die mit ihrem Renault im Juni einen 13-Jährigen auf seinem Fahrrad erfasst hatte, wurde nach Tagesspiegel-Informationen eingestellt. An der Tragik des Falls ändert das nichts: Am Unfallort in der Marksburgstraße in Karlshorst sollte eigentlich Tempo 30 gelten. Allerdings hing im betreffenden Abschnitt in Fahrtrichtung der Autofahrerin – und nur da – noch ein vergessenes 50er-Schild.

Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft ergab das Gutachten eines Sachverständigen, dass die Frau zwischen 39 und 44 km/h fuhr, als plötzlich der 13-jährige Erik vor ihrem Auto auftauchte. Bei dem Zusammenstoß wurde er so schwer verletzt, dass er Stunden später starb. Er war an einem abgesenkten Bordstein vom linken Gehweg aus auf die Fahrbahn gewechselt – direkt vor einem ordnungsgemäß geparkten Lieferwagen, der ihm und der Autofahrerin die Sicht nahm. „Die Kollision war aus Sicht des Gutachters für die Beschuldigte unvermeidbar“, sagte Justizsprecher Martin Steltner.

Zwischen Tempo 30 und 50 können Welten liegen

Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass – gemäß dem vergessenen Schild – Tempo 50 galt. Gemessen daran war die Autofahrerin also recht diszipliniert unterwegs. Wäre sie dasselbe Tempo auf einer 30er-Strecke gefahren, käme die 31-Jährige um Anklage und Verurteilung wohl kaum herum. Denn zwischen Tempo 30 und 50 können Welten liegen: Wegen der Schrecksekunde hat ein Autofahrer bei Tempo 50 noch nicht einmal angefangen zu bremsen, wo er bei Tempo 30 schon stehen würde. Und die Überlebenswahrscheinlichkeit für die angefahrene Person sinkt von mehr als 90 auf etwa 60 Prozent.

Der Unfall in der Marksburgstraße geschah an einem Freitag. Am Montag darauf wies ein Anwohner das Bezirksamt Lichtenberg auf das 50er-Schild hin, das bei der Neubeschilderung der relativ schlecht einsehbaren Wohnstraße mit Tempo 30 sechs Wochen vor dem Unfall vergessen worden war. Nach dem Hinweis wurde das 50er-Schild noch am selben Tag demontiert. Offenbar war es bei der Neubeschilderung übrig geblieben, weil es in den Unterlagen des Bezirksamtes für die beauftragte Baufirma fehlte.

Für die Justiz stand das Bezirksamt nie im Fokus

Nach Auskunft von Ordnungsstadtrat Andreas Prüfer (Linke) ist der Fall „im Team ausgewertet und gefordert worden, Fehler zu vermeiden“. Man habe allerdings auch festgestellt, dass „im komplexen Zuständigkeits- und Verfahrensablauf bei mehreren tausend An- und Abordnungen (von Schildern – die Red.) Fehler nie gänzlich ausgeschlossen werden können“. Für die Justiz stand das Bezirksamt ohnehin nicht im Fokus.

Unter den 100 Menschen, die seit Anfang 2014 im Berliner Straßenverkehr tödlich verunglückt sind, ist der 13-jährige Erik das einzige Kind.

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