Berlin : Verunsicherte Kranke stürmen die Arztpraxen

Berliner Wartezimmer sind voll mit Patienten, die die Praxisgebühren sparen wollen. Zahnärzte haben kaum noch Termine, denn auch ihre Arbeit wird ab 2004 teurer

Ingo Bach

Volle Wartezimmer und Schwierigkeiten, einen Termin zu bekommen – in manchen Berliner Arztpraxen herrscht derzeit der Ausnahmezustand. So auch bei Zahnärzten. Viele ihrer Patienten holen sich zwar nur noch den Stempel für ihr Bonusheft ab oder wollen ihr Gebiss vor den Feiertagen in Ordnung bringen lassen – das ist an jedem Jahresende normal. Doch in diesem Dezember müsse man einen besonders heftigen Ansturm verkraften, sagt Karl-Georg Pochhammer, Vizevorsitzender der Berliner Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) und selbst Praxisinhaber. Denn ab Januar gilt die Gesundheitsreform, und dann sind auch beim Dentisten zehn Euro Praxisgebühr fällig.

Zusätzlich verunsichern die nun bekannt gewordenen Änderungen der Honorarordnung für Zahnärzte die Patienten. Wie gestern berichtet, ändern sich viele Details, die dazu führen, dass der Patient schon ab dem 1. Januar 2004 tiefer in die Tasche greifen muss, so etwa bei der Zahnsteinentfernung und der zahnfarbenen Verblendung von Brücken oder Kronen. „Die Menschen kommen schon allein deshalb noch in diesem Jahr, weil sie nicht mehr durchschauen, was sich denn nun ab 2004 ändert“, sagt Pochhammer. Trotz des Ansturms dürften die Ärzte keinen Notfall abweisen. „Schmerzpatienten müssen behandelt werden.“

Weitere Belastungen kommen auf die Patienten zu, weil sie ab dem kommenden Jahr marktwirtschaftlich denken müssen. Wie berichtet, erhält der Zahnarzt mehr Freiheit bei der Honorargestaltung. Der Patient muss also die Preise vergleichen. Doch wie? Pochhammer rät, die Beratung der KZV in Anspruch zu nehmen. „Wir wissen, was so eine Behandlung kosten darf und können entsprechende Hinweise geben.“ Auch die Krankenkassen beraten in solchen Fällen ihre Versicherten. Insider vermuten, dass schon 2004 der Wettbewerb um preiswerten Zahnersatz in Gang komme. Manche Zahntechniklabore wie die Berliner Firma Prodentum werben damit, dass sie ab 2004 preiswerte Verblendungen fast ohne Zuzahlung anbieten wollen. Der Patient müsse nur seinen Zahnarzt nach den Preisen für Kronen fragen.

Auch andere niedergelassene Mediziner in der Hauptstadt haben derzeit alle Hände voll zu tun. Die Ärzte, bei denen man bestimmte Behandlungen planen kann – zum Beispiel eine Untersuchung beim Augenarzt oder beim Gynäkologen – werden massenhaft von gesetzlich Versicherten aufgesucht, die sparen wollen, sagt die Sprecherin der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Annette Kurth. So fallen ab Januar die Zuschüsse der Krankenkassen für Brillengläser weg – ausgenommen sind nur schwer Sehbehinderte sowie Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren. Voller als sonst ist es auch in den Wartezimmern der Frauenärzte. Viele Patientinnen wissen nicht, dass auch zukünftig Vorsorge-Untersuchungen von der Praxisgebühr befreit sind.

Bei den Berliner Hausärzten dagegen herrscht die für die Jahreszeit übliche Betriebsamkeit. Denn Erkältungen lassen sich nun mal nicht planen, egal, ob die Praxisgebühr fällig ist oder nicht.

Patientenberatung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Berlin unter Telefon 89004444 (dienstags 9 bis 15 Uhr) oder im Internet www.kzv-berlin.de

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