Verwahrlosung : Mutige Nachbarn melden vernachlässigte Kinder

"Die Menschen trauen sich einfach mehr": Immer häufiger sind es Nachbarn, die Fälle von Kindesvernachlässigung aufdecken - erst letzte Woche wurden sechs kleine Kinder in verwahrlosten Wohnungen gefunden.

Tanja Buntrock

BerlinJeweils drei kleine Kinder wurden in Adlershof und in Spandau in verwahrlosten Wohnungen gefunden. In beiden Fällen war es aufmerksamen Nachbarn zu verdanken, dass die Kinder Hilfe bekamen, da sie die Polizei alarmiert hatten. Experten für Kinderschutz registrieren seit mehreren Jahren, dass die Bevölkerung wachsamer geworden ist.

„Die Menschen trauen sich einfach mehr“, sagt die Leiterin des Dezernats für Kindesmisshandlung und -verwahrlosung, Gina Graichen. Früher habe bei den Leuten die Angst, jemanden fälschlicherweise zu denunzieren, im Vordergrund gestanden. Jetzt aber sei das Thema so stark in der Öffentlichkeit vertreten, „dass die Menschen mehr und mehr begreifen, wie sehr sie in der Mitverantwortung stehen“, sagt Graichen.

Die Experten nennen das „Dunkelfeld-Erhellung“. Durch die erhöhte Aufmerksamkeit werden in der Statistik für 2007 die Zahlen für Kindesmisshandlung und -vernachlässigung wieder ansteigen, sagte die Hauptkommissarin. Konkrete Zahlen werden erst Anfang 2008 veröffentlicht. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei 563 misshandelte und 582 vernachlässigte Kinder. Auch die im Mai eingerichtete „Hotline Kinderschutz“ habe dazu beigetragen, dass immer mehr Fälle bekannt werden, sagt Graichen. Die Mitarbeiter der Notrufnummer (61 00 66) sind beim Kindernotdienst in Kreuzberg untergebracht. 597-mal haben Menschen bislang diese Nummer gewählt.

Auch die drei Mädchen (zwei, vier und fünf Jahre) aus Spandau, die am vergangenen Sonnabend hilferufend am Fenster standen, sind nun beim Kindernotdienst. Ihre Mutter war die ganze Nacht auf Zechtour und hatte sie allein gelassen. Wie Jugendstadträtin Ursula Meys (SPD) gestern sagte, sei die Familie dem Jugendamt bereits bekannt gewesen. „Wir konnten bislang keine Verwahrlosung oder Vernachlässigung erkennen“, sagt sie. In Kürze werden die Sozialarbeiter einen Hausbesuch bei der 33-jährigen Mutter machen und „klären, wie es weitergehen wird mit den Kindern“, sagt Meys. Bereits am vergangenen Donnerstag war der Fall dreier vernachlässigter Kinder aus Adlershof bekannt geworden. Die drei Geschwister im Alter von einem bis sieben Jahren lebten in einer völlig verwahrlosten Wohnung. Die Älteste war bereits fünf Wochen nicht mehr in der Schule gewesen.

In beiden Fällen hatten Nachbarn sofort die Polizei gerufen. Beate Köhn von der „Hotline Kinderschutz“ ist froh darüber, „dass sich das Bewusstsein der Leute gewandelt hat“. Die große Plakatkampagne, die von der Polizei vor drei Jahren gestartet wurde, aber auch die vielen Berichte und Informationsveranstaltungen über die neue „Hotline Kinderschutz“ hätten dazu beigetragen, dass Medien umfangreicher und häufiger über das Thema berichteten. Vor allem durch die erschreckenden „großen Fälle“, wie aktuell der von Lea-Sophie aus Schwerin, werde den Leuten klar, dass immer wieder Kinder sterben, weil sich keiner um sie kümmerte. Selbst Menschen aus schwierigen sozialen Milieus, die den ganzen Tag vor dem Fernseher säßen, bekämen von diesem Thema etwas mit. „Niemand will dafür verantwortlich sein, dass so etwas in der Nachbarschaft passiert“, sagt Köhn.

Die meisten Anrufer seien auch bereit, den Mitarbeiterinnen ihren Namen zu sagen. „Lediglich gegenüber der Familie, die sie verdächtigen, wollen die Leute anonym bleiben“, sagt Beate Köhn. In der Tendenz rufen bei der „Hotline Kinderschutz“ vorwiegend Menschen an, „die zunächst einmal vorsichtig einen Verdacht äußern, ohne sich sicher zu sein. Doch manchmal steckt dahinter ein richtig gravierender Fall“, sagt sie.

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