Verwaltung in Berlin : Warte-TV, oder: Wer vom Bürgeramts-Chaos profitiert

Trotz elektronischer Terminvergabe wartet man in Berliner Ämtern immer noch. Aber wie das so ist: Irgendjemand hat immer was davon. Eine Glosse.

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Empfangsbereit: Wer im Bürgeramt sitzt, hat viel Zeit, sich dem Bildschirm an der Wand zuzuwenden.
Empfangsbereit: Wer im Bürgeramt sitzt, hat viel Zeit, sich dem Bildschirm an der Wand zuzuwenden.Foto: Thilo Rückeis

"Ding-Dong.“ Eine Quart, das Ton-Intervall, das Aufmerksamkeit erzeugt – man kennt es vom Martinshorn. Hier, im Wartezimmer des Bürgeramts Tegel, klingt es nur einmal, kurz. Rascheln, als 18 Menschen den Kopf heben, Luft holen, auf den Bildschirm blicken, auf dem eine neue, siebenstellige Zahl erschienen ist – ein langes, enttäuschtes Ausatmen. Stille kehrt zurück. Aber der Blick bleibt hängen, an dem Bildschirm nebenan. Es läuft „Warte-TV“.

Ja, genau.

Allen, die in den letzten Jahren das Glück hatten, ein unbürokratisches Leben zu führen, sei erklärt: In vielen Ämtern „und stark frequentierten Behörden“ hängen laut Angabe der Warte-TV-Firma „Central Media Spots“ insgesamt 100 Fernsehgeräte mit eigenem Programm. Ziel ist es, die gefühlte Wartezeit zu verkürzen, wenn sich schon die tatsächliche nicht in den Griff bekommen lässt. Der Slogan ist: „Werben, wo die Kunden warten!“

Und die warten. Alle hier haben natürlich einen Termin, und jetzt sitzen sie hier – 30 Minuten, eineinhalb Stunden, ach, wer weiß das schon ... Ein paar Optimisten bleiben erst stehen, einige Minuten lang, aber irgendwann steuern auch sie einen der Stühle an, die ringsherum an der Wand stehen.

Werbepause. Das „Haus Havelblick“ macht auf seine Wachkomapflege aufmerksam, was der Atmosphäre im Raum beängstigend nahekommt. Ein älterer Herr sitzt da, im grünen Overall einer Reinigungsfirma, die Beine von sich gestreckt, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf an die Wand gelehnt; die Augenlider flackern, es ist nicht klar, ob er schläft oder den Raum beobachtet. Vielleicht blickt er auch auf den Fernseher, auf dem gerade erklärt wird, was man in Ämtern so alles machen kann. Den Namen ändern, zum Beispiel, steht dort, bebildert mit vier Schachfiguren.

Bevor der Betrachter jetzt in philosophische Tiefen abgleitet und sich fragt, ob vielleicht nur matte Menschen ihren Namen ändern, verschwindet das Bild wieder. Warte-TV wirbt für Warte-TV. „Nutzen Sie die volle Aufmerksamkeit, die Ihre Werbung in den vollen Wartebereichen der Berliner Bürgerämter erhält“, steht da.

Moment mal: Das ganze Chaos mit der Terminvergabe – irgendjemand profitiert doch immer ... Man müsste mal untersuchen, wie Warte-TV eigentlich mit dem Senat und den Bezirken ...

„Ding-Dong!“ Oh, meine Nummer!

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