Verwaltungsgerichts-Urteil : Nach der sechsten Stunde in den Gebetsraum

Ein Gymnasiast aus Wedding hat sich das vorläufige Recht erstritten, in der Mittagspause zu beten. Die Diskussion um das Urteil geht weiter.

Sandra Dassler,Susanne Vieth-Entus
yunus m. Foto: Dirk Laessig
Vorläufiger Sieger. Yunus M. darf täglich beten, allerdings nur in der Pause. -Foto: Dirk Laessig

Aufgeregt läuft Gharib G. durch das Schulgebäude. Der Sozialarbeiter sucht nach einem Reporter mit Mikrofon, der nach Auskunft einer Lehrerin soeben ohne Erlaubnis das Diesterweg-Gymnasium betreten haben soll. Doch der vermeintliche Reporter stellt sich als Techniker heraus, der den Blitzableiter überprüft.

Das Schulgebäude in Wedding wird von Journalisten regelrecht belagert, seit bekannt wurde, dass der Schüler Yunus M. sich vor Gericht das vorläufige Recht erstritten hat, in der Pause sein Mittagsgebet zu verrichten. Yunus, gläubiger Moslem, ist erst 14 Jahre alt. Deshalb versucht die Schule, ihn so gut wie möglich vor den Journalisten zu schützen. „Das gehört zu unserer Obhutspflicht“, sagt Direktorin Brigitte Burchardt. Der Vater von Yunus will nicht mit der Presse reden. Bekannte der Familie berichten, dass der Deutsche vor einigen Jahren zum Islam konvertierte und sich oft in der Moschee aufhält.

Am Mittwoch durfte Yunus in der Mittagspause in einem Raum beten. Gestern gab es schon ein Problem: Die Gebetszeiten ändern sich täglich nach Sonnenstand und nun fällt das Mittagsgebet nicht mehr in die große Pause. „Wir haben dem Jungen angeboten, nach der sechsten Stunde zu beten, doch da ist nur zehn Minuten Pause“, sagt die Schulleiterin. „Aber er meint, dass er das schafft.“

Das Diesterweg-Gymnasium ist ein freundliches Gebäude mit bunten Fassaden und hellen Fluren, in denen Wandzeitungen von den Aktivitäten der Schüler künden. Rund 700 Mädchen und Jungen lernen hier, 78 Prozent sind so genannte ndH-Schüler: nicht deutscher Herkunft. Sie gehören 30 Nationalitäten an, die größte Gruppe bilden die Türken.

„Wir sind ein friedfertiges und beliebtes Gymnasium“, sagt die Schulleiterin. Die Schüler bestätigen das. „Es gibt kaum Zoff“, sagt der 18-jährige Evrem Yilmaz: „Alles ist sehr tolerant“. Mit der Diskussion um die Einrichtung eines Gebetsraums gehen die Schüler jedenfalls entspannter um als Lehrer und Politiker. „Warum sollte es keinen Gebetsraum geben?“, fragen sowohl deutsche als auch türkische, christliche als auch muslimische Gymnasiasten. „Auch ich hatte schon im Herbst gefragt, ob wir an der Schule beten dürfen“, erzählt Ala Naoufal, ein 18-jähriger Palästinenser: „Zumindest im Winter liegt das Mittagsgebet in der Schulzeit.“

Eine türkische Schülerin mit Kopftuch würde ebenfalls gern in der Schule beten. Da dies Frauen und Männer getrennt tun müssten, wären schon zwei Gebetsräume erforderlich. Ala Naoufal hat auch damit kein Problem: „Es gibt doch genug Räume in der Schule“, grinst er.

In der Neuköllner Kepler- Hauptschule betet ein muslimischer Schüler bereits seit einigen Wochen während der Pause im Klassenraum. „Ich kenne den Jungen seit langem und habe es ihm erlaubt“, sagt Schulleiter Wolfgang Lüdtke. Er hätte auch nichts dagegen, für mehrere Schüler einen „Raum der Stille“ einzurichten, „aber es hat noch keiner beantragt.“

Andere Schulleiter sehen dies weniger entspannt. „Ich bin entsetzt“, kommentiert Birgit Nicolas den Gerichtsbeschluss. Die Direktorin des Neuköllner Ernst-Abbe-Gymnasiums hatte in den vergangenen Jahren regelmäßig Anfragen von Schülern, die in der Schule beten wollten. Bisher hat sie alles abgelehnt. Sie fürchtet, dass die gläubigen Schüler dann „noch mehr psychischen Druck“ ausüben. Schon jetzt gebe es kritische Bemerkungen, wenn andere muslimische Mitschüler kein Kopftuch trügen oder nicht am Ramadan teilnehmen wollten.

Besorgt ist auch Hans-Joachim Schriefer von der Weddinger Herbert-Hoover- Realschule. Im Dezember fragten zwei türkische Schüler „sehr energisch“ nach einem Gebetsraum. Er lehnte ab. Jetzt rechnet er damit, dass sie wiederkommen. So geht es vielen Schulleitern. „Ich rechne stündlich mit Anträgen“, sagt Rainer Völkel vom Kreuzberger Robert- Koch- Gymnasium, an dem es schon vor zwei Jahren Anfragen gegeben hatte.

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