Verwandelt : Postfiliale als Kunstobjekt

Alte Post-Filialen wurden zu Kunsträumen, Partyorten und Polizeidienststellen. Kunst und Post – eine offenbar fruchtbare Symbiose.

Annette Kögel

BerlinWenn man das alte Postgebäude betritt, steigt einem noch immer dieser typische DDR-Putzmittelgeruch in die Nase. Die Wände sind rau und unverputzt. Schaut man die Fotos an, die da hängen, wirken sie auf viele Betrachter purer als in einer kühlen Kunsthalle, so die Erfahrung von Mirko Nowak, Pressesprecher des Fotografie-Ausstellungsforums „c/o Berlin“. „Die Leute lieben, dass das Gebäude lebt.“

Das frühere Postfuhramt an der Oranienburger Straße 35-36 in Mitte wird schon seit 1995 für temporäre Kunst- und Kulturprojekte genutzt – eines der Beispiele für die vielen Postgebäude in der Stadt, denen Nachnutzer neues Leben einhauchten. Die hochherrschaftliche Architektur des Postfuhramtes, das auf die Jahre 1875/76 zurückgeht, als die beiden zweigeschossigen Postpferde-Stallgebäude im Hof errichtet wurden, fasziniert noch heute die Besucher. Vormals wurden hier Rohrpostsendungen verschickt, residierte hier die Post- und Telegrafenschule, befanden sich die Postillionschlafsäle dort. Im neunten Jahr des neuen Millenniums begeisterte jüngst die Fotoschau von Annie Leibovitz die Berliner, bis 4. September sind dort Aufnahmen der Schwulenikonen „Pierre et Gilles“ zu sehen, und ab 4. September kommen Aufnahmen von Konrad Rufus Müller hinzu – der einzige Fotograf, der von Konrad Adenauer bis Angela Merkel alle deutschen Kanzler fotografiert hat. In den oberen Stockwerken haben Designerfirmen und Modelabels ihre Büros, in der Kuppel feiert der „Rodeo Club“ Parties. Eigentlich hatte der isrealische Besitzer des Gebäudes schon Anfang 2008 dort ein gemischtes Bauprojekt mit hochwertigem Hotel, Kunst, Wohnen, Geschäften und Büros geplant, doch noch ist nichts geschehen.

Kunst und Post – eine offenbar fruchtbare Symbiose. So war das alte Postamt an der Karl-Marx-Straße 97-99 jüngst einer der zentralen Ausstellungsorte der Kulturaktion „48 Stunden Neukölln“, und auch bei Modemessen traf sich dort das Fashionvolk. Wo einst Postkarten, Briefe und Päckchen zwischenmenschliche Geschichten erzählten, wird jetzt eben anders Geschichte gemacht.

Wie im Postbahnhof am Ostbahnhof in Friedrichshain. Dort sind, wie bei der Premierenschau vor acht Jahren, wieder Plastinate des umstrittenen Leichenzurschaustellers Gunter von Hagens zu sehen . Noch bis 31. August werden die Besucher strömen – und sich teils auch über die Plastinate beim Sex erregen. Außerdem feiern hier Partypeople bei Konzerten vom Fritzclub - Sonnabend etwa gibt es die „Fritzclub Disco“ auf „drei Dancefloors“. Jetzt wird geschwitzt, zur Winterzeit konnten die Berliner in dem 1842 als „Frankfurter Bahnhof“ begründeten und ab 1907 als Bahnpostamt genutzten Gebäude schon Geschenke auf einem Weihnachtskunstbasar erwerben.

Überall in der Stadt findet in den alten Kommunikationszentren jetzt auf neue Weise zwischenmenschlicher Austausch statt. In der Invalidentraße knutschten Pärchen beim Tanzen im „Bangaluu“, und auch der Club WMF nutzte eine alte Post an der Ecke Ziegelstraße / Oranienburger Straße als Partylocation. Jetzt ist hier der „2 Be“- Club. Ins frühere Postamt in der Eberswalder Straße ist eine Polizeidiensstelle gezogen. Rolf Schulz, Postpressesprecher, kann sich noch bestens an den Verkauf der Postimmobilie an der Französischen Straße in Mitte erinnern. In dem „wunderschönen alten Schalterraum“ hat ein früherer Konkurrent der Postbanken, eine Privatbank, eine Filiale eingerichtet. An der Fassade steht noch in goldenen Lettern „Postamt“. Annette Kögel

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