Berlin : Verwende deine Jugend

Partys, Sex und Shopping: Ric Graf hat ein Buch über das Lebensgefühl seiner Altersgenossen geschrieben

Nana Heymann

Der junge Mann, der in seinem Buch vorgibt, ein ziemlich lässiger Typ zu sein, ist im realen Leben vor allem eins: ziemlich normal. Und unscheinbar. Zum Gespräch im „Schwarzen Café“ in der Kantstraße erscheint er in schwarzem Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuhen. Der Vormittag hängt blaugrau über der Stadt, Ric Graf nähert sich hastig dem Treffpunkt. Für die Verspätung entschuldigt er sich höflich. Ansonsten: kein Jungliteratengehabe, keine Starallüren, keine Abgeklärtheit. Ric Graf scheint trotz des Erfolgs der zurückliegenden Wochen bodenständig geblieben zu sein.

Dabei hätte man es durchaus nachvollziehen können, wenn er abgehoben und ein arrogantes Arschloch wäre. Vor kurzem erschien sein Debüt „iCool“, ein Buch über das Lebensgefühl junger Menschen, so beschreibt es zumindest der Verlag. Mittlerweile ist es fast vergriffen, geht in die zweite Auflage. Nicht schlecht für jemanden, der vor zwei Jahren Abitur gemacht und nebenbei für Hochglanzmagazine geschrieben hat. Ach ja: Assistent von Theaterprovokateur Christoph Schlingensief war der 21-Jährige zwischendurch auch noch. Karriere im Zeitraffer.

Es ist dieser steile Werdegang, der in krassem Gegensatz zu dem steht, wovon Grafs Buch handelt. „Wir sind so jung, so falsch, so umgetrieben“, heißt es im Untertitel. Die einzelnen Kapitel tragen Namen wie „Fuck forever“, „Definitely maybe“ oder „I predict a riot“, benannt nach Songtiteln von Bands wie den Babyshambles, Oasis oder Kaiser Chiefs. Sie beschreiben den Alltag seiner Altersgenossen zwischen wilden Partys, Drogen, Sex und Shoppingexzessen. Nur manchmal, wenn sich die Frage nach dem Sinn all dessen stellt, fühlen sie sich einsam, unsicher.

Diese Stimmungsschwankungen haben wohl viel mit der heutigen Zeit zu tun, sagt Ric Graf und rührt im Milchschaum seines Latte Macchiato. „Sicherheiten und Perspektiven brechen heute weg, man muss mehr Eigenverantwortung übernehmen. Das führt bei vielen jungen Menschen zu Verunsicherung.“ Bevor sie sich aber über diese Verunsicherung Gedanken machen, lenken sie sich lieber ab, leben für den Moment. „Perspektivlose Euphorie“ nennt Ric Graf das. Spaßhaben als Mittel zur Verdrängung, die Übersprunghandlung als Reflex.

„Es ist viel schwieriger, sich heutzutage ein Ziel zu setzen und dieses auch tatsächlich zu verfolgen“, sagt der gebürtige Berliner, der in Kreuzberg aufgewachsen ist und nun in Charlottenburg lebt. Dass er es trotzdem geschafft hat, dass er sich nicht im Rausch der vielen Partys verloren hat, ist vielleicht auf den frühen Tod seiner Mutter zurückzuführen. Sie starb an Krebs, als Graf sieben war, danach lebte er beim Vater. Die Erfahrung des Verlustes wirkte offenbar als Antrieb. „Das Schwierigste am Tod meiner Mutter war für mich das Gefühl, sie nicht richtig kennengelernt zu haben“, sagt der Jungautor. Für einen Moment hält er in seinen zappeligen Bewegungen inne und fragt, ob es stören würde, wenn er raucht. Dann erzählt er. Über die Folgen des Erlebten und darüber, dass er sich seither schnell an Menschen festhalten, bei jeder unbeantworteten SMS in Panik geraten würde. Dieser Charakterzug spiegelt sich auch in „iCool“ wider. Menschen, die Graf in den Clubs oder Cafés dieser Stadt kennenlernt, bezeichnet er schnell als Freunde. Nicht zuletzt deswegen ist sein Buch als oberflächlich kritisiert worden. Grafs Erkenntnisse über das Leben würden sich in Banalitäten erschöpfen, schrieben Rezensenten. Eine Journalistin fragte im Interview sogar, ob ihm das Werk in zehn Jahren nicht vielleicht peinlich sein würde.

Ob ihn die Kritik getroffen hat? „Am Anfang war es schwierig für mich, doch ich muss dazu Abstand gewinnen, ansonsten werde ich verrückt.“ In der Not gab ihm Kollege Benjamin von Stuckrad-Barre einen Rat: Er solle so weitermachen, wie er es für richtig hält. Nur so könne er das machen, woran er wirklich glaubt. Daran hält sich Ric Graf nun. Und verspürt deshalb auch keinen Erfolgsdruck für den Nachfolger von „iCool“. An dem arbeitet der Autor derzeit, neben seinem Literatur- und Philosophiestudium an der Humboldt Uni. Viel Zeit für Partys bleibt da nicht mehr.

„iCool“ ist im Rowohlt-Verlag erschienen und kostet 7,90 Euro

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