Berlin : Verwirrung in den Schulen: Jetzt gibt es zu viele Lehrer

Susanne Vieth-Entus

Die Verwirrung ist komplett: Während viele Schulen über eine mangelnde Lehrerausstattung klagen, wirft Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) dem Bildungssenator vor, wegen falscher Schülerprognosen 300 Lehrer zu viel eingestellt zu haben. Dies bedeute Mehrausgaben von zwölf Millionen Euro pro Jahr.

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) reagierte gestern mit einer überraschenden Gegenrechnung. Anders als von Sarrazin unterstellt, habe er nicht 5600 Schüler zu viel prognostiziert, sondern sogar 7900. Er begründete die überhöhte Angabe damit, dass aufgrund der vielen Reformen in diesem Jahr keine präziseren Zahlen zu ermitteln gewesen seien. So habe man nicht genau absehen können, wie viele Eltern künftig davon Gebrauch machen würden, ihre Kinder früher einzuschulen. Bisher seien das immer rund 3000 gewesen und es sei nicht klar gewesen, ob es dabei angesichts der vorgezogenen Schulpflicht bleiben würde. Er habe sich dafür entschieden „im Zweifelsfall für die Schule“ zu entscheiden.

Der Sprecher der Bildungsverwaltung, Jens Stiller, wies Sarrazins Behauptung zurück, dass Böger Mehrausgaben von zwölf Millionen Euro zu verantworten habe. Da laufend Lehrer in Pension gingen, sei der Überhang schon jetzt erheblich geschrumpft und werde im Laufe des Schuljahres völlig aufgebraucht. Deshalb würden zum neuen Schuljahr sehr wohl weitere Einstellungen nötig werden.

Fragen bleiben aber dennoch. So ist bis heute nicht nachvollziehbar, wie die Bildungsverwaltung jemals auf die Idee kommen konnte, dass zum neuen Schuljahr 41 000 Erstklässler eingeschult würden und damit rund 7000 mehr als tatsächlich ankamen.

Auch Böger hat inzwischen eingesehen, dass man mit den bisherigen Prognoserechnungen, die auf Angaben der Bezirksämter und Schule beruhen, nicht auskommt. Um künftig zuverlässigere Zahlen zu bekommen, soll das Anmeldeverhalten aller Schulpflichtigen ab nächstem Jahr „namentlich verfolgt und ausgewertet werden“, kündigte Stiller an.

Angesichts der Verwirrung um die Schülerzahlen fragte sich die FDP gestern, ob Böger unter so genannter Dyskalkulie – vulgo: Rechenschwäche – leide. Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion befand, dass dem Senator der Überblick fehle und seine Verwaltung „noch nicht einmal eins und eins zusammenzählen kann“. Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen forderte angesichts der Lehrerüberhänge, dass es jetzt keinen Unterrichtsausfall mehr geben dürfe. Die überschüssigen Kräfte müssten für pädagogische Verbesserungen eingesetzt werden. CDU-Bildungssprecher Gerhard Schmid kritisierte, dass in Berlin generell „sehr großzügig“ mit Zahlen umgegangen werde. Dies müsse anders werden.

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