• Verwirrung in Köpenick: Gottfried oder Osmar?: Der falsche Gottfried und sein Straßenname

Verwirrung in Köpenick: Gottfried oder Osmar? : Der falsche Gottfried und sein Straßenname

Mit der Gottfried-Klemm-Straße sollte ein Architekt des Kabelwerks Oberspree geehrt werden. Der hieß aber anders.

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Das Straßenschild muss wohl bald ausgetauscht werden: Der Namensstifter hieß anders.
Das Straßenschild muss wohl bald ausgetauscht werden: Der Namensstifter hieß anders.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Den Austausch von Straßennamen hat es in Berlin immer mal wieder gegeben, besonders zahlreich nach politischen Umbrüchen oder auch, weil ein jahrzehntelang opportuner Namensstifter plötzlich bedenklich erschien. Auch Schreibfehler wie bei der Joachimsthaler Straße wurden auf diese Weise korrigiert, die 2014 das fehlende h zurückerhielt.

Dass der Namensgeber einer Straße allerdings in Wirklichkeit ziemlich anders hieß als auf den Blechschildern zu seinen Ehren zu lesen ist, dürfte nur äußerst selten vorkommen. Aber offenbar ist genau das bei der Gottfried-Klemm-Straße in Oberschöneweide, benannt nach einem Architekten des dortigen ehemaligen AEG-Kabelwerks Oberspree, der Fall. Der fragliche Baumeister nämlich hieß zwar Klemm, aber mit Vornamen Wilhelm Osmar. Den Fehler haben jetzt in akribischer Archivarbeit der an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität lehrende Chemieprofessor Jürgen Evers und seine Berliner Kollegin Christiane Herzog, Diplomchemikerin am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, aufgedeckt – zwei der Baugeschichte in ihrer Arbeit eher ferne Wissenschaftler, doch gibt es einen indirekten Bezug zu ihrem Wirken: In einem der heute denkmalgeschützten Gebäude des Kabelwerks, das 1903 von W. O. Klemm gebaut wurde, befand sich ab 1917 das Metall-Laboratorium der AEG, und hier entdeckte im selben Jahr der deutsch-polnische Chemiker Jan Czochralski das nach ihm benannte Verfahren zur Herstellung einkristalliner Werkstoffe. Mit dieser Methode werden heute die Grundplatten für alle elektronischen Mikrochips hergestellt.

Das alte AEG-Gelände beherbergt seit 2004 den Campus Wilhelminenhof der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Die rund 250 Meter lange Gottfried-Klemm-Straße, eine von fünf Privatstraßen in diesem Areal, erhielt ihren Namen 2010 im Auftrag der Eigentümergemeinschaft, die aber dennoch den Namen jetzt nicht einfach ändern könnte, falls sie wollte. Zuständig ist der Bezirk Treptow-Köpenick. Die Liste des Landesdenkmalamtes verzeichnet für das alte Kabelwerk sieben Einträge mit dem dort bereits geänderten Namen Wilhelm Osmar Klemm, darunter den dreistöckigen Kopfbau an der Wilhelminenhofstraße, in dem Czochralski seine Kristalle züchtete, heute das Gebäude B der Hochschule. Der falsche Name Gottfried Klemm wurde auch bei der Denkmalbehörde lange Jahre geführt, tauchte zudem in der Literatur immer wieder auf. Daran ist der Architekt selbst ein wenig schuld, der meist nur mit Klemm unterschrieb.

Gottfried oder Osmar – das ist hier die Frage. Die Gottfried-Klemm-Straße in Oberschöneweide muss offenbar umgetauft werden.
Gottfried oder Osmar – das ist hier die Frage. Die Gottfried-Klemm-Straße in Oberschöneweide muss offenbar umgetauft werden.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die beiden Wissenschaftler machte schon misstrauisch, dass sich ein Gottfried Klemm weder in den Berliner Adressbüchern zwischen 1900 und 1940 noch in der Einwohnermeldekartei finden ließ. In den Adressbüchern taucht der Name Klemm zwar 34 mal auf, überwiegend mit dem Zusatz „Baumeister“, seltener mit „Architekt“, als Vorname wird aber 30 mal Osmar genannt sowie je zweimal W. O. und O. Von Gottfried keine Spur.

Den beiden Forschern ist es auch gelungen, Klemms Geburtsort Neumark in der Nähe Weimars, sein Geburtsjahr 1862, den fünfmaligen Wohnungswechsel in Berlin, die zweite Eheschließung und den vollständigen Vornamen Wilhelm Osmar ausfindig zu machen. Studiert hat er übrigens an der Baugewerkschule Weimar.

Fragt sich nur, wie es zu dem Fehler bei der Namensgebung kam. Im Landesdenkmalamt vermutet man einen „Transkriptionsfehler bei der Auswertung der Bauakten“, was angesichts der teilweise handgeschriebenen, schwer zu entziffernden Dokumente nicht verwunderlich wäre, aber letzte Sicherheit gibt es dazu nicht. Und es bleibt offen, was denn nun aus der Gottfried-Klemm-Straße wird. Wahrscheinlich ja eine Wilhelm-Osmar- oder auch Osmar-Straße, in der Baubehörde des Bezirksamts ist man durchaus guten Willens, den Fehler zu korrigieren. Aber vor der Namensänderung will man doch lieber noch einmal selbst nachforschen, auch versuchen, eventuelle Nachkommen des Architekten ausfindig zu machen, wie Ingrid Lehmann, Leiterin des Straßen- und Grünflächenamtes, sagt. Rechtlich wäre die Namensänderung relativ einfach.

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