Berlin : Verzweifelt gesucht: Kandidaten für PDS-Bundesvorsitz

Jung-Star Sandra Brunner will nicht, Alt-Star Lothar Bisky soll nicht

Sabine Beikler

Der Berliner PDS-Landes- und Fraktionschef Stefan Liebich muss auf Kandidatensuche bleiben: Gemeinsam mit den anderen fünf PDS-Landesvorsitzenden Ost und der unter Druck geratenen Parteichefin Gabi Zimmer will Liebich Vorschläge für den neu zu wählenden Bundes-Vorstand erarbeiten. In seinem eigenen Landesverband ist die Personaldecke aber sehr dünn. Liebich schlug am Wochenende die Nachwuchspolitikerin Sandra Brunner vor, doch die erteilte ihrem Landesvorsitzenden inzwischen eine Abfuhr. „Das gehört nicht zu meiner Lebensplanung“, sagte Brunner am Montag dem Tagesspiegel. Und andere Kandidaten? Liebich brachte seinen Parteifreund Benjamin Hoff ins Gespräch. Der Jung-Parlamentarier wiederum hält sich bedeckt: Von Begeisterung kann bei Hoff keine Rede sein.

„Irritiert“ ist Sandra Brunner zunächst gewesen, als sie von dem Vorschlag des Berliner Landes- und Fraktionschefs Stefan Liebich gehört hatte. Jetzt gibt die 27-jährige PDS-Politikerin aus Pankow ihrem Landeschef eine Absage. „In meiner Lebensplanung stehen zurzeit Biopatente, aber keine Bundespolitik.“ Die Jurastudentin, die im vergangenen Jahr als Direktkandidatin in Pankow gegen Wolfgang Thierse verlor, arbeitet als studentische Hilfskraft im Nationalen Ethikrat, will bald ihr zweites Staatsexamen machen und denkt nicht daran, Arbeit und Studium gegen eine unsichere Parteikarriere in der angeschlagenen Partei einzutauschen.

Brunner hat gemeinsam mit Benjamin Hoff nach dem Geraer Parteitag das „Forum 2. Erneuerung“ ins Leben gerufen: In dieser Runde haben sich 150 reformpolitisch interessierte PDS-Mitglieder versammelt, um Projekte für eine „radikalreformerische Politik“ zu entwickeln. Hoff hält es zwar für notwendig, dass Mitglieder des Forums künftig in der Parteispitze mitarbeiten, doch der 27-Jährige selbst ziert sich, sagt nicht Ja und nicht Nein, sondern verweist lieber auf seine Tätigkeiten: Er ist wissenschafts- und wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion, arbeitet in fünf Ausschüssen mit, gibt als Diplom-Sozialwissenschaftler eine Lehrveranstaltung an der Humboldt-Universität und schreibt gerade an seiner Doktorarbeit.

Die Berliner PDS sieht in der Führungskrise auf Bundesebene ihre Chance, sich inhaltlich und personell stärker einzubringen, doch fehlt es ihr offenbar an kompetenten Kandidaten, die dem Anforderungsprofil entsprechen: Es sollen Politiker aus der zweiten, jungen Generation sein. Von „Experimenten“, altgediente PDS-Politiker wie Lothar Bisky oder Gregor Gysi wieder zu einer Rückkehr an die Bundesspitze zu bewegen, hält man in der Berliner PDS-Spitze nichts. Beide seien gute Politiker, doch einen „neuen Aufbruch“ schaffe man nur mit Nachwuchs-Sozialisten. Das Gros der PDS-Spitzenpolitiker würde deshalb „No Names“ akzeptieren. Die junge Generation brauche eben ihre Chance, sich in der Bundespolitik zu verwirklichen, heißt es.

Liebich hält sich aus Personaldebatten offiziell heraus, betont jedoch, dass die Berliner PDS dazu „personell bereit“ sei. „Wir brauchen einen handlungsfähigen Vorstand.“ Die „personelle und inhaltliche Erneuerung“ sei die letzte Chance für die PDS. Liebich selbst will für den Vorstand nicht kandidieren. Als Fraktions- und Landeschef sei er „komplett ausgelastet“. Außerdem mache er zurzeit mehr Bundespolitik als ihm lieb sei.

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