Berlin : Verzweiflungstat hinter verschlossener Tür

Seit Jahresbeginn gab es sechs Suizide im Gefängnis – so viele wie 2005 im ganzen Jahr

Ralf Schönball

Die schwere Tür schnappt ins Schloss. Von außen wird der Schlüssel umgedreht. Dann beginnt das Martyrium der Beschuldigten: 23 Stunden am Tag sind sie hier gefangen, nur eine Stunde dürfen sie aus der Zelle. Die Untersuchungshäftlinge der Justizvollzugsanstalt (JVA) können nichts aus eigenem Antrieb tun. Der Alltag ist ausgelöscht, es gibt keine Ablenkung. Diese Situation stürzte dieses Jahr offenbar schon mehrere Häftlinge in die Krise. Sie verzweifelten. Als einziger Ausweg erschien ihnen der Tod.

Um 8.55 Uhr gestern Morgen wurde der 34 Jahre alte Andreas P. in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt Moabit tot aufgefunden. Er hatte sich am Fensterkreuz erhängt. Der saß seit dem 24. Juli vergangenen Jahres in Untersuchungshaft. „Schwerer Menschenhandel“ wurde ihm vorgeworfen. Das Gerichtsverfahren lief. Ein Urteil war nicht gefallen. Für Andreas P. galt die „Unschuldsvermutung“. Bei der Senatsverwaltung für Justiz heißt es, niemand habe Anhaltspunkte für eine „Suizidgefährdung“ gehabt.

Andreas P. ist schon der sechste Häftling, der dieses Jahr in einem Berliner Gefängnis Selbstmord begangen hat. So viele Fälle gab es 2005 im ganzen Jahr. Vor sechs Jahren war die Zahl der Suizide in Berliner Haftanstalten schon einmal sprunghaft angestiegen: neun Fälle hatte es bis Ende 2000 gegeben. Auch 2006 verging bisher kein Monat, ohne dass ein neuer Fall bekannt wurde. Fast jede Meldung endete mit dem lapidaren Satz: „Anhaltspunkte für eine Suizidgefahr hatte es nicht gegeben.“

So auch am 12. Mai, als sich der 24-jährige Pawel G. das Leben nahm. Auch er saß in Moabit, wegen des Verdachts einer gefährlichen Körperverletzung. Nur eine Woche zuvor hatte sich der 28-jährige Aamir C. selbst gerichtet. Nach eineinhalb Monaten Untersuchungshaft. „Nötigung“ wurde ihm vorgeworfen und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.

„Haft ist grundsätzlich nicht einfach, aber Untersuchungshaft ist das Schlimmste, was einem begegnen kann,“ sagt die katholische Seelsorgerin Elke Härtl. Aus dem Leben gerissen, in eine kleine Zelle gesperrt, würden die Häftlinge ihre Identität verlieren. Das treibe manchen in den Selbstmord. Elke Härtl kannte Andreas P.. „Es gäbe viel zu sagen“, meint sie –möchte über die Person des Häftlings jedoch nichts sagen. Gero Meinen, Abteilungsleiter Justizvollzug beim Senat, sagt: „Mit jedem Gefangenen wird ein Eingangsgespräch geführt.“ Bei Anzeichen auf eine Suizidgefährdung bekomme der Betreffende einen Zellennachbarn. „Wenn wir aber nichts erkennen, sind Suizide nicht auszuschließen“, sagt Meinen. Dass die Haftbedingungen für die Selbstmorde verantwortlich sein könnten, schließt er aus.

Der Leiter der JVA-Moabit, Wolfgang Fixson, sagt: „Eine Arbeitsgruppe aus Psychologen und Soziologen prüft jeden Fall, um Selbstmorden vorzubeugen.“ Man sei aber sehr auf Hinweise von Verwandten angewiesen: Lässt sich die Frau „draußen“ scheiden zum Beispiel, dann könne dies eine Kurzschlussreaktion auslösen.

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