Berlin : Verzweiflungstat: Polizei hält Giftmischerin nicht für psychisch krank

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Die Mutter, die in der Nacht zum Donnerstag versucht hatte, ihre gesamte Familie umzubringen, wird, laut Polizei, voraussichtlich im Gefängnis und nicht in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht. "Die Frau ist zwar höchst verzweifelt", so Bernhard Jaß, Sprecher der 8. Mordkommission, "es liegen aber keine Anzeichen für eine psychische Erkrankung vor".

Michaela M. hatte offenbar aus Verzweiflung über eine bevorstehende Zwangsräumung ihrem Mann und ihren drei Töchtern einen Tabletten-Mix zu trinken gegeben und ihnen später die Pulsadern aufgeschnitten. Der Mann starb in der Wilmersdorfer Wohnung an der Vergiftung, die Kinder (8, 12 und 14 Jahre alt) überlebten.

Gestern wurde die 38-Jährige dem Haftrichter vorgeführt. Totschlag und versuchter Totschlag in drei Fällen, so wird nach Ansicht der Polizei die Anklage gegen die 38-Jährige lauten. Obwohl sich die Frau offenbar in einer Ausnahmesituation befunden habe, kann nach Ansicht von Juristen aber auch eine Anklage wegen Mordes nicht ausgeschlossen werden. Bereits am Donnerstag wurde die Frau vernommen. "Sie war umfassend geständig", so Jaß.

"Der Fall ist absolut tragisch", meint Heike Hüsig, Leiterin für Soziale Arbeit der Beratung & Lebenshilfe e.V. Berlin/Brandenburg. "Bei einer Wohnungskündigung oder einer Räumungsklage gibt es etliche Möglichkeiten der Hilfe, gerade wenn Kinder da sind." Der Mieterverein, kirchliche und private Beratungsstellen sowie die Sozialämter könnten Mietschuldner fast immer "retten". Gegebenenfalls würden die Schulden beglichen oder bei der Suche nach einer neuen Wohnung geholfen.

Vorrausgesetzt, die Leute nehmen die Hilfe an. Auch die Wohnungsbaugesellschaft Gehag, Vermieter der Wohnung, in der sich die Tragödie abgespielte, schickte zwei Mal ihre Sozialarbeiter in die Ahrweiler Straße. Diese machten der Familie Vorschläge zur Tilgung der Mietschulden, nach Angaben der Gehag neun Monatsmieten. "Wir haben ja ein Interesse an bleibenden Mietern", sagt Henryk Tabaczynski, Sprecher der Wohnungsbaugesellschaft. Die Möglichkeiten des Unternehmens seien voll ausgeschöpft worden. Die Familie habe aber nicht reagiert, selbst als ihnen im Juni der Räumungsbeschluss zugestellt wurde. Der Fall wurde dann behandelt wie jeder andere auch. Zwangsräumungen seien leider das Tagesgeschäft der Vollstreckungsbeamten. Die Leute müssten sich dann selbst um eine neue Wohnung kümmern. Hartmann Vetter, Geschäftsführer des Mietervereins, geht davon aus, dass die Mietschulden der Familie "nur die Spitze des Eisbergs" waren. Die finanziellen Probleme stünden meist am Ende einer langen Kette von persönlichen Katastrophen. "Die Schulden werden verdrängt, bis die Sache eskaliert".

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