Berlin : Verzweiflungstat: Tödlicher Tablettenmix für die Familie

Marén Balkow,Christoph Stollowsky

Offenbar aus Verzweiflung über ihre finanzielle Not hat eine 38-jährige Frau aus Wilmersdorf in der Nacht zum Donnerstag versucht, ihren Ehemann und ihre drei Kinder umzubringen. Sie verabreichte allen Vieren in der gemeinsamen Wohnung an der Ahrweiler Straße eine in Wasser aufgelöste Überdosis Tabletten. Der Mann starb an den Folgen, die Mädchen im Alter von 8, 12 und 14 Jahren wurden von einem Notarzt gerettet. Sie sind außer Lebensgefahr. Die Polizei nahm ihre Mutter wenige Stunden später am Rand einer Kleingartenanlage fest, wohin sie sich geflüchtet hatte.

Ob die Frau in Haft kommt oder in der Forensischen Psychiatrie untergebracht wird, war bis Redaktionsschluss noch offen. Nach Angaben der ermittelnden Mordkommission ist sie geständig. Einzelheiten des Verhöres wollten die Beamten aber nicht mitteilen. Als mutmaßliches Tatmotiv gab die Polizei große finanzielle Sorgen an, offenbar sollte die Wohnung wenige Stunden nach der Tat von einem Gerichtsvollzieher zwangsgeräumt werden.

Den frühmorgens um 6.25 Uhr in die Wohnung geeilten Kripobeamten bot sich ein schreckliches Bild: Die vier Opfer lagen mit blutverschmierten Handgelenken reglos auf dem Boden, offenbar hatte die Frau nach dem Eintritt der Bewusstlosigkeit noch versucht, ihnen die Pulsadern aufzuschneiden. "Vielleicht wollte sie sichergehen, dass sie tatsächlich tot sind", hieß es gestern in Polizeikreisen.

Möglicherweise war es nicht schwer, ihrem ahnungslosen Mann eine Überdosis Tabletten zu verabreichen. Dieser litt an einer schweren Nierenkrankheit und musste ohnehin täglich zahlreiche Arzneimittel schlucken. Für den Vierzigjährigen kam jede Hilfe zu spät, eine vorläufige Obduktion in der Gerichtsmedizin ergab "Tod durch Vergiftung". Die geretteten Mädchen liegen inzwischen im Benjamin-Franklin-Krankenhaus und werden nach Angaben der Klinik kinderpsychologisch betreut. Laut Polizei haben sich Angehörige gemeldet, die sich um sie kümmern.

Alarmiert wurde die Kriminalpolizei vom Bruder der Frau, zu dem sie nach der Tat gefahren war. Nachdem sie sich ihm offenbart hatte, ergriff sie erneut die Flucht, parkte ihren Wagen in der Peter-Vischer-Straße in Schöneberg unmittelbar neben einer großen Kleingartenanlage und blieb darin sitzen. Dank mehrerer Hinweise des Bruders konnte sie die Polizei dort gegen 8 Uhr früh aufspüren.

Die Familie hatte nach Angaben des Wilmersdorfer Sozialamtes im Jahr 1999 Sozialhilfe bezogen, war danach aber nicht mehr unterstützt worden und auch nicht auffällig gewesen. Nach vorliegenden Informationen arbeitete der Ehemann als Hausmeister im öffentlichen Dienst, sie war als Putzhilfe tätig. Beide wohnten mit ihren Kindern im Hochparterre eines Mietshauses aus den 60er Jahren in einer ruhigen Seitenstraße des Südwestkorsos.

"Eine durchaus bürgerliche Gegend", so ein Sprecher der Polizei. Die grünen Jalousien der Tatwohnung waren gestern heruntergelassen, auf dem Balkon ließen Petunien in der Hitze ihre Blätter hängen, vor dem Haus hatte sich ein Pulk von Presseleuten und Fernsehteams versammelt. Seit eineinhalb Jahren habe die Familie dort gelebt, erzählten mehrere Nachbarn. "Es waren ganz unauffällige Leute."

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