Berlin : Viagra, hilf! (Glosse)

Andreas Conrad

In der Wahl seiner Sexualpartnerinnen ist ein Rhinozerosbulle nicht wählerisch. Bietet sich nichts besseres, begnügt er sich schon mal mit einem Kleintransporter aus dem frankophonen Sprachraum, was dem Fachbegriff "französische Technik" ganz neue Bedeutungsschichten eröffnet. Ist es einem Nashorn also möglich, den Besitzer so einer Blechkiste - der Werbefilm der Firma Renault ließ keinen Zweifel - glücklich zu stimmen, so müsste es auch bei einem Berliner Zoodirektor gelingen, der für das Wohlbefinden von gleich vier Nashornkühen verantwortlich ist. Alle Augen richten sich also auf "Jasper", der andernorts, wie der Zoo wissen lässt, schon dreimal mit Erfolg kohabitiert hat und nun sogar einem Damenquartett Mutterfreuden bescheren soll. Dass dies im zehnten Jahr der Maueröffnung, dazu in einem ehemaligen Westzoo starten soll und der potente Bulle ausgerechnet aus der Heldenstadt Leipzig kommt, darf als genial arrangierter Beitrag zur anstehenden Jubelfeier gewürdigt werden. Da muss es allerdings irritieren, dass "Jaspers" physische Qualitäten vorerst nicht zu begutachten sind, und wir nur glauben können, in der Kiste, die heute ankommen soll, stecke tatsächlich der schärfste Bulle Berlins. "Jasper", der angebliche Potenzprotz, nur ein Softie, der sich, bevor er zum Beilager schreitet, erst akklimatisieren muss? Das mag die Autobesitzer freuen, denn ohne Beulen geht so ein Liebesakt kaum ab. Aber gibt es nicht, um die Wiedervereinigungsfeiern mit einem Zuchterfolg zu krönen, heutzutage Hilfsmittel, die der nie ganz bewiesenen Wirkung eines zerriebenen Rhinozeroshorns weit überlegen sind? Gibt es nicht Viagra? In diesem Fall möchten wir allerdings die vierfache Dosierung empfehlen.

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