Videoüberwachung : Gelöschte Verbrechen

Der Senat will Videoaufnahmen aus den U-Bahnhöfen 48 Stunden lang speichern - statt wie bislang 24 Stunden. Dagegen sperrt sich allerdings die BVG - die befürchtet, 1,6 Millionen Euro in neuen Speicherplatz investieren zu müssen.

Klaus Kurpjuweit

Personal auf jedem Bahnhof der S- und U-Bahn wird es nicht mehr geben. Dies machte gestern der SPD-Verkehrsexperte Christian Gaebler im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses klar. Die Unternehmen setzen auf Technik mit Kameraüberwachung. Den Wunsch des Senats, die aufgenommenen Bilder mindestens 48 Stunden zu speichern, will die BVG allerdings nicht erfüllen, sondern ihre Speicher weiter nach 24 Stunden löschen. Speicher für 48 Stunden würden 1,6 Millionen Euro kosten, sagte Technikvorstand Thomas Necker.

Das Speichern der Aufnahmen für 48 Stunden, wie es auch die S-Bahn praktiziert, wäre „hilfreich“, hatte zuvor im Ausschuss Staatssekretärin Maria Krautzberger (SPD) erklärt. Denn nicht immer könnten die Aufnahmen innerhalb von 24 Stunden ausgewertet werden. Hier konterte Necker, rund 80 Prozent aller Anfragen nach einer Aufnahme würden innerhalb von 24 Stunden gestellt. Zuletzt war es der Polizei gelungen, zwei Schläger auf dem U-Bahnhof Blissestraße zu ermitteln. Der zweite konnte gestern festgeommen werden.

Seit die BVG mit Beginn dieses Jahres Kameras auf allen 170 U-Bahnhöfen laufen lässt, habe sich die Zahl der Anfragen nach Aufnahmen verdoppelt – von täglich zwei auf inzwischen vier, sagte Necker. Zwischen April 2006 und April 2007 habe die BVG insgesamt 611Anfragen erhalten. Die meisten, nämlich 154, bezogen sich auf Vorfälle in der U 8 (Wittenau – Hermannstraße). Dort gibt es vor allem in den Stationen unter Mitte, Kreuzberg und Neukölln einen lebhaften Drogenhandel. Die U 5 (Hönow – Alexanderplatz) folgte mit 122 Anfragen. Dort gebe es vor allem durch zahlreiche Diskothekenbesucher Probleme, sagte Necker.

Dass es für die U 9 (Osloer Straße – Rathaus Steglitz) nur 27 Anfragen und für die U 3 (Nollendorfplatz – Krumme Lanke) lediglich 10 Anfragen in diesem Zeitraum gegeben habe, liege daran, dass damals noch nicht alle Kameras auf diesen Linien aktiviert gewesen seien, sagte Necker.

Auswertbare Aufnahmen hatte die Polizei aber nur bei 56 Prozent der Anfragen erhalten. Zu einem geringen Teil seien sie erst nach 24 Stunden eingetroffen, sagte Necker, der die Aufnahmen trotzdem nicht länger speichern will. Häufiger habe die Tat aber gar nicht im Bahnhof stattgefunden, oft sei nichts zu erkennen gewesen, und manchmal habe auch die Technik versagt.

Ob Kameras Täter abschrecken, ist umstritten. Aber die Beweislage werde auf jeden Fall verbessert, sagte SPD-Verkehrsexperte Gaebler. Personal auf allen Bahnhöfen könne man nicht mehr finanzieren. Dagegen verwies Klaus-Peter von Lüdeke (FDP) auf Personalüberhänge bei der BVG und S-Bahn, aus denen man Mitarbeiter für den Sicherheitsbereich finden könne. Die CDU forderte, wieder gemeinsame Streifen von BVG-Mitarbeitern und der Polizei einzuführen, die Polizeipräsident Dieter Glietsch vor einigen Jahren abgeschafft hatte.

Die S-Bahn rekrutiert derzeit aus ihren Reihen Mitarbeiter als Kundenbetreuer. 120 sollen es in den nächsten drei Jahren insgesamt werden. Die BVG und der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) setzen dagegen auf Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose. So will der VBB jetzt 50 Mitarbeiter als Fahrtbegleitdienst beschäftigen. Sie sollen Fahrgästen helfen, die sich das Fahren mit Bahnen und Bussen allein nicht mehr zutrauen, und können telefonisch angefordert werden. Klaus Kurpjuweit

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