Berlin : Viel Ehr, wenig Geld

Vor 100 Jahren wurde Hertha 03 Zehlendorf gegründet – einst der größte Fußballverein der Welt

Klaus Rocca

Als Otto Höhne gestern Mittag mit seinen Vereinskameraden nach dem Flug von Bogota über Madrid mit dreiviertelstündiger Verspätung in Tegel landete, war ihm die Ermüdung anzusehen. Doch Höhne weiß, dass ihm auch in Berlin eine anstrengende Woche bevorsteht. Feiern ist angesagt. Heute, wenn der Verein, dem Höhne 20 Jahre als Präsident vorstand und dessen Ehrenpräsident er nun ist, 100 Jahre alt wird: Hertha 03 Zehlendorf. Und ganz besonders am Sonnabend, wenn im Rathaus Zehlendorf der feierliche Festakt mit viel Prominenz über die Bühne geht und dann am Abend im Klubhaus an der Onkel-Tom-Straße seine Fortsetzung findet. Dann wird auch Höhne, der so ganz nebenbei auch Präsident des Berliner Fußballverbandes ist, im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stehen. Viel Ehr, aber auch viele Repräsentationspflichten für einen fast 77-Jährigen. Der es sich aber weiterhin nicht nehmen lässt, mit dem Verein auf Weltreise zu gehen. Von der 21. kehrte er gestern zurück.

Dass Hertha Zehlendorf die „kleine Hertha“ ist, stets im Schatten von Hertha BSC stand, ficht die Verantwortlichen nicht an. Sie wissen sich im feudalen Zehlendorf zu Hause, während die anderen Herthaner im Arbeiterkiez ihre Geburtsstunde hatten. Sie schrieben nicht spektakuläre Fußballgeschichte wie der große Bruder, aber sie machten auch nicht durch Skandale Schlagzeilen. Und sie verweisen stolz auf Höhepunkte in der nun 100-jährigen Geschichte. So, als die Fifa den Verein vom Siebenendenweg 1974 als größten Fußballverein der Welt mit 65 Mannschaften ehrte. So, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Klub 1983 für die erstklassige Jugendarbeit mit dem Fairplay-Cup auszeichnete und der Senat seit 1953 allein 25-mal eben diese herausragende Pflege der Jüngeren mit einer Plakette honorierte.

Am ganz großen Fußball durfte der Verein nie teilhaben. Doch mit seiner exzellenten Jugendarbeit versorgte er Spitzenklubs mit Spitzenfußballern. Christian Ziege, Pierre Littbarski, Niko und Robert Kovac, Karsten Bäron, Carsten Ramelow, Uwe Kliemann, Helmut Faeder, Michael Krampitz, Volkmar Groß – sie alle gingen aus dieser viel gelobten Talentschmiede hervor. Dabei sprang viel Reputation heraus, aber Geld in die Kasse kam kaum.

So ist selbst in Zehlendorf heute das Geld knapp. „Es wird nach der Reduzierung der öffentlichen Gelder für uns immer schwieriger, die Talente auszubilden“, sagt Präsident Klaus Gonsior. 65 Mannschaften wie 1974 bei der Ehrung durch die Fifa sind es nicht mehr, aber immer noch 17 Männer-, 30 Jugend-, 2 Frauen- und 1 Mädchenmannschaft.

Der Platz der Männer in der fünftklassigen Verbandsliga ist sicher kein Glanzlicht in der Geschichte des Jubilars, der Ende der Sechziger sogar dicht vor dem Sprung in die höchste Spielklasse stand und 1979 den Aufstieg in die Zweite Bundesliga nur um ein mickriges Tor verpasste. Doch in Zehlendorf hat man schon früher vorrangig andere Ziele gehabt. Besonders an jenem 10. März vor heute hundert Jahren, als 30 fußballbegeisterte Bürger den Tor- und Fußballclub Germania 03 Zehlendorf gründeten.

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