Berlin : Viel mehr als die Frau an seiner Seite

Rut Brandt ist tot. Sie starb in der Stadt, die ihr Ex-Mann Willy Brandt jahrelang regierte

Klaus Kurpjuweit

Sie kannte das Rathaus Schöneberg fast in- und auswendig. Wie oft war sie wohl dort und hat sich von dort erzählen lassen? Ihr Mann war schließlich der Regierende Bürgermeister von Berlin – von 1957 bis 1966. Das Rote Rathaus, den neuen Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters nach der Wende, kannte sie aber nicht. Klaus Wowereit lud sie spontan zum Kaffeetrinken ein, als er dies erfuhr. Bis 2005 hatte Rut Brandt darauf warten müssen. Vielleicht auch warten wollen. Aufgedrängt hätte sie sich nie. Nun ist sie verstorben, und auch der Regierende Bürgermeister betrauert ihren Tod.

Rut Brandt hing an der Stadt. Hierher war sie 1947 als Sekretärin von Willy Brandt zur norwegischen Militärmission gekommen. Ein Jahr später heiraten die beiden, die sich 1944 im norwegischen Exil von Brandt kennen gelernt hatten. Drei Kinder stammen aus der Ehe.

Die Berliner lernten Rut Brandt schätzen und lieben, nachdem ihr Mann 1957 Regierender Bürgermeister geworden war. Rut meisterte die öffentlichen Auftritte, die nun folgten, souverän. Manche verglichen sie später mit Jackie Kennedy. Ein Glücksfall für Berlin sei sie gewesen. Rut Brandt selbst hat sich so nie gesehen.

Natürlich habe sie Dinge tun müssen, nach denen ihr überhaupt nicht zumute war, sagte sie später. Manchmal seien die Auftritte aber wirklich ehrlich und nicht gestellt gewesen. Das Leben an der Seite von Willy Brandt, der politische Karriere machte, war nicht immer einfach. Brandt hatte sich für seinen Weg entschieden, Rut machte ihn mit. Aber jeder neuen Phase sei sie mit Unsicherheit und Unruhe begegnet, schrieb sie 1992 in ihren Memoiren „Freundesland“. Nach und nach habe sie gelernt, mit der Angst umzugehen. Da war es nicht mehr schwer für sie, 1966 mit ihrem Mann nach Bonn zu ziehen, der in der großen Koalition Außenminister geworden war. Drei Jahre später war sie die Frau des Bundeskanzlers. Die Gerüchte über Beziehungen ihres Mannes zu anderen Frauen habe sie verdrängt, sagte Rut Brandt nach ihrer Scheidung. 1979 hatte er sie mit der Trennung überrascht; 1980 wurde das Ende der Ehe amtlich. Was damals wirklich in ihr vorgegangen war, hat sie nie öffentlich gesagt. Schmutzige Wäsche zu waschen, war nicht ihre Sache. Sie schwieg sogar, als Willy Brandt 1983 seine Assistentin heiratete. Auch ihm gegenüber: Rut Brandt führte nach der Trennung nie wieder ein persönliches Gespräch mit Willy. Auch dass sie 1992 nicht zur Beerdigung ihres Mannes eingeladen worden war, steckte Rut Brandt weg. Sie blieb eine Größe.

2004 kam sie nach Berlin zurück – ins Altersheim. Mit der Stadt verbinde sie eben sehr viel, sagten Freunde. Am Freitag ist Rut Brandt im Alter von 86 Jahren nach einer schweren Krankheit in Berlin gestorben. Hier soll sie auch beerdigt werden.

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