Berlin : Viel Theater um das Carrousel

Die größte Jugendbühne Deutschlands wird zum Streitpunkt in der Koalition und entzweit sogar die PDS

Ulrich Zawatka-Gerlach

Die größte Kinder- und Jugendbühne Deutschlands steht auf der Kippe. Aber wer kennt das Carrousel-Theater, dem die rot-rote Koalition vielleicht die staatlichen Zuschüsse kürzen wird? Wer im Westen Berlins zur Schule geht (oder ging), für den ist das Grips-Theater ein Markenzeichen. Doch wer das Carrousel besuchen will, muss nach Lichtenberg fahren. Ehemalige DDR-Hauptstädter kennen das Haus noch unter dem Namen „Theater der Freundschaft“. Es ging aus einer Knabenschule hervor, die nach Kriegsende in das „Haus der Kultur der Sowjetunion, Filiale für Kinder“ umgewandelt wurde.

Seit 1950 wird an der Parkaue 29 für Kinder und Jugendliche Theater gespielt. Seit 1992 heißt die staatliche Bühne, die vor dem Mauerfall dem Ost-Berliner Magistrat unterstand: Carrousel. Sie sollte eigentlich in private Trägerschaft überführt werden. Dazu kam es nicht. Das Theater wird bis heute zu hundert Prozent öffentlich finanziert, was für alle Parteien diskussionswürdig ist.

„Theater der Freundschaft, das hieß Ausflug nach Berlin und Brause im Foyer“, erinnert sich die Buchautorin Claudia Rusch („Meine freie deutsche Jugend“) an frühere Besuche mit der Mutter. Zur Wendezeit hatte das Theater noch 219 Stellen; inzwischen ist die Zahl der festen Mitarbeiter auf 120 geschrumpft. Der Landeszuschuss wurde von 13,67 Millionen Euro (1997) auf 5,2 Millionen Euro (seit 2003) kräftig verringert. Um über die Runden zu kommen, musste sich das Carrousel verschulden. Der Senat gab den Kredit und das Theater zahlt dafür Zinsen. Eine Last, die Ex-Kultursenator Peter Radunski (CDU) dem Carrousel aufgebürdet hatte und die auf mehr als fünf Millionen Euro angewachsen ist.

In einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Kultursenator Thomas Flierl (PDS) fordert die Jugendbühne eine „sofortige Entschuldung und ein zukunftsweisendes Theaterkonzept“. Auch die Grünen und die CDU-Politikerin Monika Grütters kritisieren den Versuch, „dem einzigen Kinder- und Jugendtheater im Ostteil der Stadt den Geldhahn abzudrehen“.

Das Theater stellt jedes Jahr bis zu sieben Neuproduktionen vor. Mit einer Zuschauerauslastung um die 80 Prozent steht es – im Vergleich zu anderen Berliner Bühnen – gut da. Die Auslastung des berühmten Grips- Theaters liegt bei etwa 90 Prozent. Caroussel erreicht außerdem mit seiner theaterpädagogischen Arbeit jährlich 10000 Schüler und Lehrer und reist für Gastspiele bis nach Australien, Russland und Portugal. Außerdem organisiert es das „Deutsche Kinder- und Jugendtheater-Treffen“ mit, das alle zwei Jahre in Berlin stattfindet.

Trotzdem wurden die Zuschüsse für 2005 im Landeshaushalt gesperrt, bis Kultursenator Flierl ein neues Konzept für das Carrousel vorlegt. Die PDS-Fraktion erwartet von ihrem Senator eine Hauptausschussvorlage bis zum 16. Juni. „Der Standort in Lichtenberg soll erhalten bleiben“, wurde gestern beschlossen. Die Finanzierung des Theaters dürfe nicht mit den Studiengebühren für Langzeitstudenten verknüpft werden. Das nämlich ist des Pudels Kern: Die Flierl’schen Studienkonten sollten zehn Millionen Euro in den Haushalt spülen; aber ein PDS-Landesparteitag verweigerte dem Senator und der Parteispitze die Zustimmung. Im Koalitionsausschuss wurde deshalb vor einer Woche überlegt, wie man die Zehn-Millionen-Lücke anders füllen könnte. Ein Vorschlag war, die Zuschüsse für das Carrousel zu halbieren.

Flierl und PDS-Fraktionschef Stephan Liebich lehnten das nicht ab, ihre Fraktion aber stellte sich gestern demonstrativ gegen den Kultursenator und den eigenen Vorsitzenden. Unterdessen wies der SPD-Hochschulexperte Bert Flemming Vorwürfe zurück, die SPD wollte den Koalitionspartner zu Lasten des Carrousel unter Druck setzen. „Wir sind nicht die bösen Buben.“

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