Berlin : Viel Weiberei

Die größte Frauengenossenschaft Europas feiert heute ihr zehnjähriges Bestehen – in der „Weiberwirtschaft“ sitzt auf jedem Chefsessel eine Frau

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Von Kerstin Heidecke

Nur die Kameramänner des Reporterteams des Kulturkanals arte hatten kürzlich noch etwas Schwellenangst, erzählt Katja von der Bey. Sie ist Geschäftsführerin der Weiberwirtschaft, dem größten Gründerinnenzentrum Deutschlands. Am heutigen Mittwoch ist es genau zehn Jahre her, dass die größte Frauengenossenschaft Europas das erste und bis heute größte Gründerinnenzentrums Deutschlands eröffnet hat. Die Frauen feiern das Jubiläum ihres Standortes an der Anklamer Straße 38 ab 16 Uhr mit einem Festakt. Dabei werden die Genossenschafterinnen auch den ersten Gründerinnenpreis Berlins ausloben. Prämiert werden pfiffige Geschäftsideen. Die Gewinnerin kann in der Weiberwirtschaft ein halbes Jahr mietfrei Gewerberäume nutzen.

Über 60 Unternehmerinnen haben sich in den sanierten Höfen der ehemaligen Berlin-Kosmetik angesiedelt – von der Werbeagentur über einen Erotikshop bis hin zur klinischen Forschung und Finanzdienstleistung ist alles vertreten.

Das Klischee von den Super-Emanzen, das die arte-Reporter vielleicht noch im Kopf hatten, existiert nur noch in bei wenigen Menschen, glaubt die promovierte Kunsthistorikerin Katja von der Bey. Anders verhält es sich mit dem Ungleichgewicht der beruflichen Aufstiegschancen für Frauen und Männer. Das ist noch immer Alltag. In schlappen 961 Jahren würden Frauen in Deutschland gleichberechtigt sein, wenn die Integration von Frauen in Führungspositionen im gleichen Tempo voranschritte wie bisher, ermittelte die Soziologin Dorothea Assig in einer Studie für das Managermagazin. Nur ein Drittel der Berliner Existenzgründer sind Frauen, gibt die Senatswirtschaftsverwaltung an.

Dieses Missverhältnis motivierte 1989 17 Frauen zur Gründung der Genossenschaft. Einen Standort für Chefinnen wollten sie schaffen. 1992 kauften sie das Fabrikgelände in Mitte von der Treuhandanstalt. Aus 17 Genossenschaftsmitgliedern sind inzwischen 1500 geworden. Mit der Investition von 103 Euro kann frau einen Anteil erwerben.

Auf den rund 7000 Quadratmetern Gewerbefläche in Mitte gibt es Männer nur als Angestellte. Die Satzung der „Weiberwirtschaft“ schreibt vor, dass alle Lehrstellen an Mädchen vergeben werden müssen. „Sich als Frau selbstständig zu machen, ist nicht einfach. Hier sind Frauen mit den gleichen Erfahrungen“, sagt Christiane Mergner von Berlin-Glas. Auch Catrin Ziegler vom Quasimoda-Atelier lobt den Austausch von Know-how mit anderen Mieterinnen: „Die Weiberwirtschaft ist mehr als ein reiner Vermieter. Wir erhalten Informationen über neue Unternehmerinnen und finden hier immer ein offenes Ohr.“ Friseurmeisterin Güllü Tör hatte bei ihrem Einzug vor einem Jahr jedoch auf mehr Kommunikation in dem Gründerinnenzentrum gehofft. Eine andere Mieterin berichtet von dem Problem, die Wünsche von 60 Unternehmerinnen unter einen Hut zu bekommen: „Das ist nicht einfach. Außerdem hat jede hart um ihre Existenz zu kämpfen. Da bleibt manchmal wenig Energie für Frauensolidarität.“ Daniela Müller und Steffen Bernt, Angestellter seiner Lebensgefährtin, betreiben ihr Café Farmoos seit gut einem Jahr in der Weiberwirtschaft. Das „gemischt-geschlechtliche“ Team fühlt sich hier wohl: „Die Atmosphäre ist gut.“ Dazu kommen die moderaten Mieten zwischen etwa sechs und zwölf Euro pro Quadratmeter. Davon profitiert auch die Bildhauerin Konscha Schostak: „Preisgünstige Ateliers sind in Berlin Mangelware.“

Die Italienierin Odette de Pasquali verkauft seit Anfang April in der Anklamer Straße Maschinen und Stoffe für Textildruck. Auch sie hat lange gesucht, um Räume mit bezahlbarer Miete zu finden. Zudem gibt es ein Tagungszentrum und eine Kindertagesstätte. Etwa 160 Berlinern bietet die Weiberwirtschaft derzeit einen Arbeitsplatz. Doch eine problemlose Erfolgsstory ist die Geschichte der Weiberwirtschaft längst nicht. Die Sanierung des Fabrikgeländes, das die Genossenschafterinnen Anfang der neunziger Jahre von der Treuhandanstalt erworben hatten, verschlang bis 1996 mehr als 18 Millionen Euro. Aufgestockt wurde das Eigenkapital der Genossenschaft mit Wirtschaftsfördermitteln, Landesdarlehen und Bankkrediten. Letztere werden die Genossenschaft nun noch zwanzig Jahre als schwere Bürde drücken. Fast zum Desaster führte 1999 der Fund alter Teerpappe in den Geschossdecken des Hauses, die mit dem Insektizid Naphthalin getränkt war. Die unvorhergesehene Sanierung riss ein Loch von rund 200 000 Euro in die Finanzplanung. Die Bauarbeiten bei zum Teil laufendem Geschäftsbetrieb hielten nicht alle durch. Die Betreiber der Berliner Bonbonmacherei zogen an die Oranienburger Straße. Fast die Hälfte der Gewerberäume stand schließlich leer. Heute seien wieder 85 Prozent der Flächen vermietet, sagt Frau von der Bey. Die teils hohe Fluktuation der Mieterinnen hat laut Frau von der Bey auch einen positiven Aspekt: „Immerhin vergrößern manche ihr Unternehmen und ziehen deshalb aus.“

Weitere Informationen im Internet:

www.weiberwirtschaft.de

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