Berlin : Viel Wind gefangen

Lea Rosh wird heute 70

Bernd Matthies

Ihre Gegner werden diesen Satz als Drohung empfinden: „Ich fühle mich wie Anfang 50 und habe noch viel vor“, sagt Lea Rosh am kommenden Dienstag in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ – einer Aufzeichnung. Sie selbst ist dieser Tage in Venedig und feiert dort am heutigen Sonntag ihren 70. Geburtstag.

„Streitbar“ ist ein Begriff, der mit der Journalistin und Publizistin seit langem untrennbar verbunden ist. Den Kampf um die Realisierung des Holocaust-Mahnmals, dessen wichtigste Initiatorin sie war, hat sie mit allen publizistischen Mitteln betrieben. Profilierungssucht – das ist noch einer der milderen Vorwürfe, die in diesem Zusammenhang auf sie gemünzt wurden. Henryk M. Broder zieh sie des Gesinnungsterrors, Rafael Seligmann nannte sie eine „Holocaust-Kassandra“. Sie selbst hat solche Titel mit Fassung getragen und immer mit einem charakteristischen Spruch pariert: „Ein großer Baum fängt viel Wind.“ Und auf die allfällige Frage, wer ihr das Recht gebe, sich zur Fürsprecherin der Juden zu machen, sagt sie nur: „Ich nehme mir das Recht, mich zu engagieren.“

Die gebürtige Berlinerin wurde auf die Namen Edith Renate Ursula getauft. Mit 18 trat sie aus der evangelischen Kirche aus und begann den Vornamen Lea zu verwenden, den sie „weniger schrecklich deutsch“ fand. Rias-Reporterin, SFB-Moderatorin, später die erste Frau, die beim ZDF „Kennzeichen D“ moderierte – eine steile Karriere, die sie schließlich 1991 an die Spitze des NDR-Landesfunkhauses Hannover führte, wieder als erste Frau in dieser Funktion. Seit 1988 betrachtete sie es aber als ihre eigentliche Lebensaufgabe, in Berlin eine zentrale Gedenkstätte zur Erinnerung an die Judenmorde zu schaffen. Dabei scheute sie vor keinem Konflikt zurück, beispielsweise, als sie 2003 eigenmächtig die Firma Degussa von den Bauarbeiten ausschloss, weil die den Nazis das Gift für die Gaskammern geliefert habe.

Auch ihr Ansinnen, in eine der Stelen des Denkmals einen Backenzahn einzumauern, den sie selbst bei einem Besuch des Vernichtungslagers Belzec gefunden hatte, schlug hohe Wellen; sie zog den Vorschlag später zurück. Bei allem Streit gestehen ihr auch ihre Gegner zu, dass es das Mahnmal ohne ihre Beharrlichkeit wohl immer noch nicht geben würde.

Heute beschäftigt sich Lea Rosh intensiv mit dem eigenen Tod. Die Maischberger-Sendung am Dienstag steht unter der Frage „Müssen wir Angst vor dem Altern haben?“. Lea Rosh spricht sich darin klar für Sterbehilfe aus. „Bevor ich ein Pflegefall werde, möchte ich eine Institution haben, die mir beim Sterben hilft“, sagt sie. Sie wolle selbst über ihren würdevollen Tod bestimmen können – aber bis dahin sei noch viel Zeit.

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