Berlin : Viele junge Hartz-IV-Empfänger verweigern sich total

Sie wollen keinen Job und keine Ausbildung. Auch wenn es sie das Arbeitslosengeld kostet

Ralf Schönball

Sie kommen, um zu kassieren. Aber sie verschwinden, wenn sie dafür etwas leisten müssen. Dabei sind sie höchstens 25 Jahre jung. Und sie müssten sich nur mit Rollenspielen oder Computerkursen fit machen für den Arbeitsmarkt. Doch auch das wollen sie nicht. Sie gelten als Totalverweigerer. „Wir können niemanden dazu zwingen, sich selbst zu helfen“, sagt der Neuköllner Bezirksstadtrat für Soziales Michael Böge. Deshalb überlasse man die jungen Leute sich selbst.

Auch in der Sozialsenatsverwaltung klingt die Ansage klar: „Wenn Jugendliche nicht dazu bereit sind, durch eigene Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dann haben sie keinen Anspruch auf Unterstützung“, sagt Behördensprecherin Roswitha Steinbrenner. In Berlin leben zur Zeit 31 300 junge Arbeitslose unter 25 Jahren, davon sind 23 600 berechtigte Hartz-IV-Empfänger. Aber von diesen lehnen nach amtlichen Schätzungen 10 bis 15 Prozent die Teilnahme an Job- oder Bildungsangeboten ab, in sozialen Brennpunkten können es sogar bis zu 20 Prozent sein.

Verwunderlich ist das deshalb, weil die Betroffenen eigentlich ihren „Bedarf“ bewiesen hatten, bevor sie das Arbeitslosengeld II zum ersten Mal bekamen. Verweigern sie sich, nehmen sie in Kauf, dass ihnen die Unterstützung gestrichen wird. In Neukölln verhängte das Jobcenter in den vergangenen Monaten bei 15 Prozent der 3257 jugendlichen Hartz- IV-Empfänger entsprechende Sanktionen.

Aber so schlecht, wie sie es dem Amt glaubhaft machten, ist es um sie offenbar nicht bestellt: „Diese Jugendlichen bedürfen der Leistungen nicht“, sagt Sozialstadtrat Michael Büge (CDU).

Auch die Zahl der Verweigerer beim jüngsten Projekt des für Neukölln zuständigen Jobcenters ist alarmierend: Von den 284 Jugendlichen, die an einem berufsqualifizierenden Programm teilnehmen sollten, erschienen 160 erst gar nicht. Auch nachdem die Verweigerer Post vom Jobcenter erhielten, das ihnen die Streichung des Arbeitslosengeldes II ankündigte, kamen nur 30 Teilnehmer reumütig zurück. Die große Mehrzahl aber, 116 Jugendliche, rührte sich gar nicht. „Diese Jugendlichen wollen sich in keiner Weise unterordnen“, sagt der Leiter des Neuköllner Jugendamtes, Arnold Mengelkoch.

Die fehlenden Mittel würden vom Lebenspartner oder durch kleine Geschäfte ausgeglich. Auch der Verkauf von leichten Drogen komme vor. In den meisten Fällen helfen aber wohl die Eltern. Besonders leicht hätten es Einzelkinder alleinerziehender Mütter, die besonders offen für die Wünsche ihrer Söhne seien.

Nach den Erfahrungen des Jugendamtes bekommen die Eltern „oft gar nicht mit, was in der Realität los ist“. Bei Kindern mit Migranten-Hintergrund sei die Sprachbarriere ein Grund dafür, dass die Eltern den Ausflüchten ihrer Kinder Glauben schenkten. Ratlos sind Politiker und Beamte deshalb auch darüber, wie dieser abgespaltene Teil der Gesellschaft wieder integriert werden kann: „Es gibt eine ganze Unterstützungskultur mit Angeboten für jede Minderheit“, sagt Jugendamtschef Mengelkoch. Doch es gebe eben auch diese Jugendlichen, die nicht gerne früh aufstehen. „An die heranzukommen, ist sehr schwierig. “

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