Berlin : Viele Wahrheiten und keine Lösung

Über Migranten und Integrationspolitik wird leidenschaftlich und intensiv diskutiert. Ein Blick in Internet-Forum und Leserbriefe

Stefan Jacobs

Am Anfang war der brutale Angriff mehrerer türkisch- und arabischstämmiger Jugendlicher auf einen Polizeibeamten vom Wochenende. Die Berichterstattung des Tagesspiegels in den darauffolgenden Tagen scheint ein Ventil geöffnet zu haben, durch das die Leser Dampf ablassen – zu Hunderten melden sie sich inzwischen auf unserer Internetseite zu Wort.

Speziell die am Donnerstag dokumentierten Bedrohungen durch jugendliche Migranten („Der tägliche Terror“) einerseits und die vom im Libanon geborenen Mario El-Feghali geschilderten Diskriminierungen („Hier bleibe ich immer ein arabischer Junge“) andererseits haben eine leidenschaftlich geführte Debatte im Online-Forum und in Leserbriefen ausgelöst. Wie sehr das Thema bewegt, zeigt sich nicht nur an der Menge der Reaktionen, sondern auch am heftigen Widerspruch der Diskutanten untereinander. Dabei ist die Goldwaage schnell zur Hand – weshalb hier ausdrücklich klargestellt sei, dass die nachfolgend wiedergegebenen Stellungnahmen kein repräsentatives Meinungsbild ergeben – Hinweise auf eine Grundströmung der Diskussion sind sie dennoch.

„Endlich sagt es mal einer“, loben viele die geschilderten unangenehmen Begegnungen mit jungen Migranten und berichten von ähnlichen Erlebnissen. Ein Forumsteilnehmer schreibt, er sei als Homosexueller mehrfach Opfer von verbalen und tätlichen Angriffen junger Männer – „und zwar ausschließlich türkisch-arabischer Abstammung“ – geworden.

Der Autor beeilt sich zu versichern, dass die schwulenfeindlichen deutschen Neonazis genauso schlimm seien – und demonstriert damit die Sorge vieler anderer, wegen Kritik an „den Ausländern“ in eine rechtsextreme Ecke gerückt zu werden. Ein anderer, der vor Jahren aus Kreuzberg weggezogen ist, greift das Dilemma auf: „Diese Minderheiten, die uns drangsalieren, bringen überdies die große Mehrheit der hier friedlich lebenden und gut integrierten Ausländer in Verruf.“ Wie einige andere auch ruft er nach Staat und Justiz und mahnt: „Dazu müssen aber auch die Medien – wie es der Tagesspiegel endlich tut – die Scheuklappen fallen lassen.“

Prompt schallt der Scheuklappenvorwurf an die Redaktion zurück: „Anstatt das gegenwärtige Problem als ein vielschichtiges zu begreifen, bei dem auch wirtschaftliche und soziale Fragen eine Rolle spielen, bedient man sich unbefangen der alten Klischees“, schreibt eine Leserin mit türkischem Namen. Die Stereotypen reichten bis in ihren Freundeskreis; als Migrantin mit anderen Erfahrungen „wird man als Ausnahme behandelt“.

Wie ein Beleg für diese Behauptung liest sich eine der Reaktionen auf den Beitrag über den voll integrierten Mario El-Feghali, dem allein sein arabisches Aussehen das Leben schwer macht: „Ein sehr bildungsreicher Beitrag, geschrieben aus einer Perspektive, die vielen von uns fremd ist“, meint ein Leser – und fügt hinzu: „Leider ist das nur ein Einzelfall.“

Ein weiterer Diskussionsteilnehmer schreibt: „Als Ausländer ist man viel mehr Pöbeleien und Beschimpfungen ausgesetzt als jeder Deutsche.“ Beiträge wie dieser veranlassen andere wiederum zum Aufrechnen: Was heißt „mehr als jeder Deutsche“? Absolute Wahrheiten sind nicht zu finden – im Diskussionsforum ebenso wenig wie in der Kriminalstatistik, in deren Zahlenkolonnen zwar die jugendlichen Migranten deutlich hervorstechen, aber all jene Vorkommnisse nicht auftauchen, die ohne Polizeieinsatz enden. Von Migranten geschilderter alltäglicher Rassismus zählt dazu ebenso wie die Berichte alteingesessener Weddinger oder Kreuzberger, die in der Schule von Migranten schikaniert wurden oder nach Angriffen bestimmte Wege nicht mehr gingen oder manches Kleidungsstück lieber nicht mehr trugen.

Die nicht weiter erklärte Aussage des neuen Schulsenators Jürgen Zöllner, man müsse Migration auch als Chance begreifen, hat die Mehrheit der Debattierer offenbar ebenso wenig überzeugt wie der Besuch des Regierenden Bürgermeisters in drei Kreuzberger Schulen am Donnerstag. Dass Klaus Wowereit dabei seine Aussage vom Dezember revidiert hat, wonach er eigene Kinder nicht in Kreuzberg zur Schule schicken würde, wird ihm nur vereinzelt als Eingeständnis eines Fehlers angerechnet. Weit öfter heißt es, er sei „eingeknickt“ und rede die Probleme schön, statt ihre Lösung anzupacken. „Mal ganz ehrlich“, beginnt ein Leser, „ich wohne gerne in Kreuzberg. Aber keine Frage, sobald ich schulpflichtige Kinder haben sollte, werde ich ganz sicher nicht hier wohnen bleiben.“ Elternvertreter Burkhard Hiller von der Charlotte-Salomon-Schule resümiert: „Der Bürgermeister hat gelernt. Er antwortet jetzt wieder professionell. Und billig.“

Zöllners Aussage zur Migration als Chance veranlasste einen, der mit „Enkel eines Zuwanderers“ unterschrieb, zu einer Mahnung: An Angeboten zum Deutschlernen fehle es ebenso wenig wie an Millionen positiver Beispiele. Aber: Jene „Gestalten, die Angst und Schrecken verbreiten“, sollten des Landes verwiesen werden. „Das ist auch der Wunsch der meisten Menschen, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben.“

Beiträge und Debatten online: www.tagesspiegel.de/themen

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