Berlin : VielNot,wenigStrom

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Christian van Lessen über

Hilfen in letzter Not

Es gibt NotAnker, auf die wir uns gern blind verlassen, weil sie uns im städtischen Leben die beruhigende letzte Sicherheit einer mitteleuropäischen Zivilisation versprechen. Eine Sicherheit, die wir meist gar nicht in Anspruch nehmen, weil die Lage so unsicher dann auch wieder nicht ist.

Es geht um Notlagen, in die wir im öffentlichen Leben geraten können, beispielsweise als harmlose Büroangestellte, als operationsbereite Patienten im Krankenhaus oder als hoffnungsvolle Fahrgäste eines öffentlichen Verkehrsunternehmens. Im Büro mahnt uns, falls vorhanden, piepsend der Rauchmelder, wenn es irgendwo qualmt. Im Krankenhaus schaltet sich automatisch das Notstromaggregat ein, wenn der Strom ausfällt, während gerade in hellem Licht der Blinddarm entfernt werden soll. In der S-Bahn gibt es die Notbremse, und irgendwo auch ein Notstromaggregat, das Strom produzieren soll, wenn sonst kein Strom fließt und die Fahrgäste beunruhigt auf der Strecke bleiben.

Da hatten wir nun bei der S-Bahn einen kurzen Stromausfall, der lange die Computer von Stellwerken abstürzen ließ. Die konnten nicht bedient werden, weil der Notstrom fehlte. Was als letzte Rettung vorgesehen war, versagte jämmerlich. Die Bahn sprach verzweifelt vom Fluch der Elektronik.

Wenn aber das Notstromaggregat den Dienst quittiert, haben wir vielleicht auch etwas missverstanden. Aggregat kommt vom lateinischen Wort für Anhäufen. Bei der S-Bahn häuft sich Problem auf Problem. Wenn der technische Wurm drinsteckt – was will man noch vom Notaggregat erwarten? Ein Rettungsanker sollte es sein – und braucht selbst dringend Hilfe und Halt.

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