Berlin : Vier friedliche, tolle Tage

Mit vielen Partys und Straßenfesten ging am gestrigen Montag der vierte Karneval der Kulturen zu Ende.Höhepunkt war am Sonntag der Karnevalszug durch Kreuzberg, dem etwa 350 000 Menschen zusahen - mehr als je zuvor.Im Zug selbst liefen 4000 Menschen aus 70 Ländern mit.Nach neun Stunden hatte die erste der 120 bunt kostümierten Gruppen den Viktoriapark erreicht.Der Karneval, der die kulturelle Vielfalt in der Stadt zeigen und für sie werben will, verlief ohne größere Zwischenfälle.Die Polizei meldete als einziges Vorkommnis einen Taschendiebstahl.35 Mitarbeiter der Stadtreinigung spritzten und fegten hinter dem Zug her.



Der Karneval war dieses Mal noch phantasievoller als in den Jahren zuvor.Mit dem afrikanisch-brasilianischen Candomblé-Ritual weihte die Gruppe Afoxé Loni an der Spitze die Straße."The rhythm is gonna get you", schallte es dahinter aus den Boxen eines Wagens der Jugendetage Kifrie.Zwischen Trommelgruppen in Kompaniestärke liefen mit Pappmachéköpfen Maskierte, staksten Artisten auf Stelzen, bliesen Guggenmusiker im Gummikostüm Märsche.Bereits am Sonnabend waren die Jüngsten zu einem Kinderkarneval der Kulturen eingeladen, der im Görlitzer Park mit einem großen Fest endete.

Die lärmende und schillernde Parade aus über einhundert Lastwagen mit Musikern, Tänzern und DJs zog sich in stockendem Tempo durch Kreuzberg.Zum ersten Mal dabei war ein Ensemble aus neun Kreuzberger Punkrockbands, die Seemannstruppe "Kiel ahoi" grüßte mit einem kehligen "Moin Moin".Die russische Gemeinde feierte den 200.Geburtstag von Alexander Puschkin, schwyzerdütsches Fastnachts-Brauchtum zeigten die "11er Frösch Züri", und "König Alexander", Chef einer Multimedia-Agentur, thronte im Plüschsessel auf einem Auto.

Von der Urbanstraße rollte der Zug Richtung Hermannplatz, über Graefe-, Gneisenaustraße sowie Zossener Straße und Bergmannstraße zum Viktoriapark.Die Besucher des Spektakels standen in mehreren Reihen dicht hintereinander gedrängt, unter ihnen viele ältere Menschen.Andere hatten Zäune, Ampeln oder Klappleitern erklommen und genossen den Block von oben.Viele machten es sich in Gartenlokalen oder auf Wiesen am Rande der Strecke bequem.Der Karneval war diesmal ein großes, gelassenes Volksfest.

Beim Umzug machte alles mit, was fahren konnte: vom Muscheltier, das auf einem Rollwagen mühsam per Hand weitergeschoben wird, über Fahrrad-Rikschas, zu Fabelwesen umgestaltete Autos bis hin zu großen Sattelschleppern, auf denen gleich auf mehreren Etagen getanzt und getrommelt wurde.Aus dem Lastwagen der Gruppe "Capitaes de Areia" sproß ein paradiesischer Garten mit gut genährten Pflanzen und Tieren.Dazwischen fielen die singenden Menschen kaum noch auf."Amazonien, die Lunge der Erde" fuhr durch die Stadt und forderte mehr Umwelt- und Menschenschutz.Auf einem Krokodilrücken war Bob Marley verewigt: "Sag den Kindern die Wahrheit."

Sonntag abend hatte sich der Karneval zu einer Art Mini-Love-Parade entwickelt.Die Beteiligten wurden jünger, Musikanlagen waren voll aufgedreht, Akteure und Zuschauer verschmolzen zu einer tanzenden Masse, die sich von den Wagen bis in die angrenzenden Geschäfte erstreckte.In der Bergmannstraße ravten Obstverkäufer nach türkischer Musik, die aus röchelnden Boxen zwischen Bananen und Saftpresse drang.Traumverloren zogen Punks, Plateauschuh-Girlies und ziegenbärtige Partymaniacs durch den wachsenden Müll.Die Kühlboxen der Dönerläden wurden sixpackweise leergekauft, an den Theken wälzten sich lange Schlangen bis hinaus auf den Bürgersteig.Die Party wurde ausgelassen.

Die "Mud People", eine Performance-Gruppe kriechender, erdverschmutzter Steinzeitmenschen, hatten am Abend nach neun Stunden als eine der letzten die Ziellinie am Kreuzberg erreicht.Dort zwang ein Wesen mit großen schwarzen Ohrmuscheln, Freisprechmikro, Nickel-Sonnenbrille und Taillengürtel - wie aus einem Star-Wars-Film - die schwankende Masse zum Halt.

Die überlebensgroße Miss Lateinamerika, für deren Anfertigung der kolumbianische Automechaniker Henry zehn Nächte seines Lebens geopfert hatte, klemmte deformiert an der Wand eines Sattelschleppers.Sehr erschöpft, aber zufrieden sei sie, sagte Jana Wahrheit von der Tanzformation Sapucaiu no Samba (übersetzt: Frösche stürzen sich in den Samba).Die Reizüberflutung der vergangenen Stunden, die ständige Bewegung hat bei ihren Freunden bleierne Schwere hinterlassen.Doch die Nacht war noch jung, und eine Aufführung auf einer Bühne am Blücherplatz seit langem zugesagt.

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