Berlin : Vier Männer aus der Mongolei angeklagt. Einer der Täter ließ das Opfer fliehen

Michael Brunner

Der Vorsitzende Richter runzelt die Stirn und blättert ungeduldig in den Akten. Hansgeorg Bräutigam wirkt angespannt. "Waren Sie Mönch", fragt er in Richtung Anklagebank. Dort sitzt ein 33-jähriger Mann aus der Mongolei und kratzt sich verlegen den Kopf. "Nein, ich bin kein Mönch, ich habe es nur aus Spaß gesagt", antwortet er. Das heißt, er sagt es auf Mongolisch einem Dolmetscher und der übersetzt es ins Deutsche. Der Vorsitzende Richter hört sich die Antwort an und sagt eisig: "Aha, aus Spaß." Die Anklage lautet auf Vergewaltigung: Der Mann auf der Anklagebank soll gemeinsam mit drei Landsleuten eine Frau aus der Mongolei vergewaltigt haben.

Vor dem Wortwechsel zwischen Bräutigam und dem Angeklagten hat die Staatsanwältin die Anklageschrift verlesen. Danach hat sich am 19. März 1999 Folgendes ereignet: Der 33-jährige und drei weitere Männer im Alter zwischen 22 und 32 Jahren hielten sich mit ihrem Opfer in einer Einzimmerwohnung in Kreuzberg auf. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft entkleidete einer der Männer die Frau gegen ihren Willen, ein anderer schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Nachdem der Erste das Opfer vergewaltigt hatte, sagte er den Mitttätern, dass sie nun "dran sind". Darauf wurde die Frau von den anderen drei Männern teilweise mehrfach vergewaltigt. Nach der Gewalttat musste sie sich zwischen den Männern zum Schlafen legen. Am frühen Morgen stellte die Frau fest, dass die Männer schliefen und versuchte zu fliehen. Einer der Täter bemerkte es, folgte ihr ins Treppenhaus und bedrohte sie. "Wenn du zur Polizei gehst, bringe ich dich um", soll er gesagt haben. Doch ein anderer Täter beendete das Gespräch mit den Worten: "Lass sie in Ruhe". Das Opfer konnte gehen.

Der Vorsitzende Richter will vom Angeklagten wissen, wie sein Leben war. Er erfährt: Ganbold D. höre auf den Spitznamen "Ot" ("Stern") und sei Sohn eines Richters aus der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. Er habe als Elektroingenieur gearbeitet und wenn er nach Hause kam, habe seine Frau mit den beiden Kindern auf ihn gewartet. Doch da waren die "generellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Mongolei", wie der angeklagte Mann den totalen Zusammenbruch der mongolischen Staatswirtschaft nennt. Am 6. Dezember 1998 traf er in Deutschland ein, wo er ein besseres Leben zu führen hoffte. Als Startkapital hatte er Geld bei sich, das vom Verkauf seiner Wohnung in Ulan Bator übriggeblieben war. Doch das Geld verschwand in den Taschen betrügerischer Landsleute, der Asylantrag wurde abgewiesen. Ganbold D. wurde abgeschoben, kehrte nach Berlin zurück und wurde am 26. Juni 1998 erneut abgeschoben. Seit dem 19. März 1999 sitzt er in Moabit in Untersuchungshaft.

"Wollen Sie etwas zur Tat sagen", fragt der Vorsitzende. Alle vier Angeklagten schütteln die Köpfe. Schließlich hebt Ganbold D. aus Ulan Bator den Kopf und sagt, dass er "in der Wohnung war". Bei der Fortsetzung am 8. September soll das Opfer aussagen.

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