Berlin : Vier Stunden im defekten ICE gefangen – mitten in Berlin

Schnellster Zug der Bahn hing in Spandau fest Kundenverband fordert flexibleres Vorgehen bei Pannen

Klaus Kurpjuweit

Fast vier Stunden waren 600 Passagiere eines ICE der Bahn am Freitagabend im Zug eingesperrt. Ein Verlassen des defekten Zuges, der, wie gestern in einem Teil der Auflage berichtet, auf freier Strecke stehen geblieben war, gab es nicht. Die Bahn verteidigte gestern ihr Vorgehen, kündigte aber gleichzeitig an, sie werde ihre Regeln überprüfen. Der Fahrgastverband Pro Bahn forderte die Bahn auf, bei Pannen flexibler zu reagieren.

Der ICE, der Paradezug der Bahn, war auf der Fahrt Richtung Köln um 20.03 Uhr wegen einer defekten Bremsanlage zwischen dem S-Bahnhof Heerstraße und dem Bahnhof Spandau liegen geblieben. Erst um 23.57 Uhr konnten die Fahrgäste den dann abgeschleppten Zug in Spandau verlassen. Weil auch die Stromversorgung des Zuges abgeschaltet werden musste, konnten die Fahrgäste zwei Stunden lang nicht einmal die Toilette benutzen. Ein Verlassen des Zuges hatte der Bundesgrenzschutz, der bei der Bahn die Aufgaben der Polizei übernommen hat, aus Sicherheitsgründen untersagt.

Fahrgäste könnten sich beim Aussteigen auf freier Strecke oder beim Gehen über die Schottersteine der Gleise verletzen, begründete Bahnsprecher Gisbert Gahler gestern diese Entscheidung. Außerdem hätte man die Gleise der S-Bahn überqueren müssen, um zum Bahnsteig zu kommen. Dafür hätte dann der Betrieb der S-Bahn unterbrochen werden müssen. Um den Höhenunterschied von rund einem Meter zwischen den Wagen und den Gleisen überwinden zu können, haben die Züge kleine Leitern an Bord. Sie sollen, so Gahler, aber nur in absoluten Notfällen eingesetzt werden. Zudem gibt es nur für wenige Türen diese Ausstiegshilfe.

Zunächst habe der Lokführer versucht, den blockierten Zug wieder in Gang zu bringen. Als dies gescheitert war, habe man sich entschlossen, den ICE mit den Fahrgästen an Bord abzuschleppen. Für solche Fälle steht in Grunewald eine Diesellokomotive bereit. Sie fuhr nach Gahlers Angaben dort um 20.51 Uhr los. Weil sie aber erst bis nach Spandau fahren musste und von dort dann mit 20 km/h an den Zug heranfuhr, erreichte die Abschlepplok den ICE erst um 21.50 Uhr.

Das Warten ging aber weiter. Da die modernen ICE-Züge keine herkömmliche Kupplung haben, musste erst eine Notkupplung angebracht werden, die die ICE-Züge mit sich führen. Um den Zug mit der Diesellok wegschleppen zu können, mussten die Stromabnehmer von der Oberleitung entfernt werden. Damit fiel auch die Stromversorgung im ICE aus; und mit ihr die Klimaanlage und das Licht. Nicht mehr benutzt werden konnten auch die Toiletten. Ob die Fahrgäste darüber vor dem Abschalten des Stroms informiert worden waren, konnte Gahler nicht sagen. Er bestätigte aber, dass es einige „unschöne Szenen“ im Zug gegeben hatte.

Da vor der Abfahrt auch noch die vorgeschriebenen Kontrollen gemacht werden mussten, setzte sich der Zug erst um 23 Uhr in Bewegung – drei Stunden nach der Panne. Das Warten war aber immer noch nicht vorbei, denn der Abschleppkonvoi durfte nur mit Schrittgeschwindigkeit bis Spandau fahren, wo der Zug dann um 23.57 Uhr ankam. Und wieder mussten die Fahrgäste warten, denn der versprochene Ersatzzug traf erst eine halbe Stunde später dort ein.

Nach Ansicht von Karl-Peter Naumann vom Bahnkundenverband Pro Bahn verhält sich die Bahn in solchen Fällen oft zu stur. Und nicht nur beim Aussteigen auf freier Strecke könne etwas passieren. Wer vier Stunden im Zug eingesperrt sei, könne auch einen Herzinfarkt erleiden, so Naumann.

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