Viertelfinale : Siegerstimmung beim Fußballpfarrer

Erko Sturm weigert sich, für die deutsche Nationalmannschaft zu beten. Obwohl er doch als Pfarrer den direkten Draht zum höchsten Schiedsrichter hat.

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Immer am Ball. Erko Sturm, Pfarrer der Melanchthon-Gemeinde. Foto: David von Becker
Immer am Ball. Erko Sturm, Pfarrer der Melanchthon-Gemeinde. Foto: David von Becker

„Deutschland wird auch so Weltmeister. Ich habe ein ähnliches Gefühl wie bei den Titeln 1974 und 1990, da marschieren wir durch.“ Vielleicht weiß der 46-Jährige ja doch mehr, vielleicht spricht aus ihm aber nur sein Fußballwissen. Seit seiner Kindheit in Reinickendorf kickte Sturm in Vereinen und betreute Mannschaften als Trainer. Wenn er die jungen deutschen Spieler mit den teuren Superstars wie Messi und Ronaldo vergleicht, sieht der Pfarrer keine Unterschiede. Titel Nummer vier kann also kommen.

Wie schon bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren jubelt Sturm Jogis Elf beim Public Viewing zu. Der große Saal der evangelischen Melanchthon-Gemeinde in der Pichelsdorfer Straße in Spandau wird zur Fußballarena. Die Fanschar ist allerdings kleiner als vor den meisten Leinwänden Berlins: Von den 6000 Gemeindemitgliedern kommen nur 40 – fast so viele, wie auch den Gottesdienst besuchen. „Vom Baby im Deutschland-Strampelanzug bis zum 70-jährigen Rentner ist alles dabei“, sagt Sturm. Bier, Fahnen und Fangesänge inklusive.

Die Gemeinde guckt jedoch nicht nur zu und redet über Fußball, sie kickt auch selbst. Vier Jahre nachdem der fußballverrückte Pfarrer in die Melanchthon-Gemeinde kam, gründete er 2005 ein eigenes Team, den AC Melan, dessen Trainer er ist. Die Ähnlichkeit zum Namen des italienischen Spitzenclubs AC Milan ist gewollt, die Idee hatte Sohn Goran. Selbst das Mailänder Logo wurde leicht abgeändert, und wie es der Zufall will, prangt in dessen Mitte ein Kreuz. Die 16- bis 25-jährigen Freizeitkicker des AC Melan haben schon vor Saisonende den Aufstieg in die höchste Kirchenliga geschafft. Kein Wunder, kommen doch einige der Spieler von der Charlottenburger Poelchau-Oberschule, wo Sturms Sohn Goran mit Ex-Hertha-Kickern wie Kevin Boateng oder Sofian Chahed zusammen gespielt hat. Einige Kirchenligakicker spielen noch in anderen Vereinen. Selbst die Fußballschuhe geschnürt hat der Fußballpfarrer letztmals vor zwei Jahren. Auch wenn sein Name anderes vermuten lässt: Tore waren Mangelware, er war Vorstopper. Ein alleiniges Trainerdasein ist ihm nicht genug. Er erwägt, sich einer Altherrenmannschaft anzuschließen.

Neben dem Ballsport ist die Musik Sturms große Leidenschaft. Mit seinen Söhnen covert er in der Gruppe „Flying Bullfrogs“, zu Deutsch fliegende Ochsenfrösche, Hits aus vergangenen Jahrzehnten. Über Berlins Musikszene in den 60er Jahren schrieb Sturm das Buch „And the Beat goes on“. Wen wundert es da, dass er gerade ein Vereinslied für den AC Melan schreibt. Selbst die Gottesdienste bleiben nicht vom Fußball verschont. Da bemüht Sturm ab und zu Teamwork und Zusammenhalt als vorbildliche Eigenschaften: „Ein Leib, viele Glieder, in einem Geist verbunden“ – vielleicht bis zum Gewinn der WM in Südafrika. In jedem Falle beim Public Viewing der Melanchthon- Gemeinde. Christoph Spangenberg

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