• Vietnamesen in Berlin: Zwischen Marzahner Plattenbauten haben sich die Flüchtlinge ein kleines Stückchen Heimat geschaffen

Berlin : Vietnamesen in Berlin: Zwischen Marzahner Plattenbauten haben sich die Flüchtlinge ein kleines Stückchen Heimat geschaffen

Katja Füchsel

Es sieht trostlos aus, egal, in welche Richtung Hung schaut. Hinter dem 16-jährigen Vietnamesen liegen der frühe Tod der Eltern, die Misshandlungen seiner Tante, fünf Jahre Leben auf der Straße, die Arbeit als Schuhputzer und seine Flucht nach Deutschland. Vor dem Jungen liegt vor allem Ungewissheit. "Sein Asylantrag ist schon abgelehnt", sagt Hungs Lehrerin in den Vereinsräumen der "Reistrommel". Der 16-Jährige weiß, dass ihn die Deutschen eines Tages nach Hause schicken werden, doch bis es soweit ist, kommt Hung jede Woche in die Rhinstraße - um Deutsch zu lernen.

Zwischen den Marzahner Plattenbauten haben sich die Vietnamesen in der "Reistrommel" ein kleines Stück Heimat geschaffen: Aus der Küche des Vereins dringt der Duft asiatischer Gewürze, aus dem Chorraum eine vietnamesische Weise. Während Hung und seine Altersgenossen im Klassenzimmer Deutsch lernen, übt im Hof eine Gruppe den traditionellen Fahnentanz. Nebenan kommen bei den Frauen die Fächer zum Einsatz. Doch das unbeschwerte Bild trügt. Denn die Vietnamesen hier müssen oft nicht nur die deutschen Behörden, sondern auch manchen ihrer eigenen Landsleute fürchten. "Die Angst ist da und nicht ganz unberechtigt", sagt "Reistrommel"-Geschäftsführerin Tamara Hentschel.

Erst einen Monat ist es her, dass ein paar Meter weiter ein Vietnamese am hellichten Tage auf der Rhinstraße eine Pistole zückte und einen Landsmann niederschoss. Als einen Tag später ein weiterer Vietnamese erstochen in einem Ausländerwohnheim gefunden wurde, steckte man in der "Reistrommel" besorgt die Köpfe zusammen: Geht es wieder los? Das Morden der Zigaretten-Mafia? Der Kampf um die besten Verkaufsplätze? Doch es blieb bei vagen Vermutungen. "Die Leute hier haben wenig Verbindung zu solchen Kreisen", sagt die 45-jährige Geschäftsführerin.

Die Vietnamesen erinnern sich mit Grauen an den blutigen Untergrundkrieg der Zigarettenmafia Anfang der 90er Jahre. Fünf Jahre tobte der Kampf der rivalisierenden Banden, im Mai 1998 konnte Detlef Schade, der Chef der "Ermittlungsgruppe Vietnam", dann verkünden: "Die Arbeit ist getan". 39 Morde waren aufgeklärt, die Hintermänner gefasst, die zwei großen rivalisierenden Banden zerschlagen. Und auch nach den beiden jüngsten Anschlägen teilt die Polizei die Befürchtungen der Vietnamesen nicht. "Es gibt keine Anhaltspunkte für einen neuen Krieg", sagt Referatsleiter Detlef Büttner.

Der Krieg mag vorbei sein, doch die Gefechte auf dem illegalen Zigarettenmarkt gehen weiter. An die Stelle der großen Banden mit bis zu 50 Mitgliedern sind nach Büttners Worten nun mehrere kleine Gruppen von vier bis sechs Mann getreten, die von den illegalen Zigarettenverkäufern Schutzgelder erpressen. Die goldenen Zeiten der Erpresser sind aber schon lange vorbei: Wurden 1992 in Berlin noch 40 000 Stangen Zigaretten illegal verkauft, waren es 1996 nur noch 15 000. Von den früher 1200 Handelsplätzen sind heute nur noch 300 bis 400 übrig geblieben. Trotzdem kostete der Kampf um die besten Standplätze laut Polizei seit 1996 weitere sieben Vietnamesen das Leben. "Bei den Kleingruppierungen ist es schwierig auszumachen, wer da zu wem gehört", sagt Büttner. Das sei ein "dauerndes Hin und Her".

Im Kriminalgericht Moabit wird seit fast zweieinhalb Jahren versucht, einen juristischen Schlussstrich unter die blutigen Bandenkämpfe zu ziehen. Wer der Verhandlung im Schwurgerichtssaal 700 beiwohnen will, muss durch mehrere Sicherheitsschleusen. Die zehn Angeklagten, in der Haft streng voneinander getrennt, sitzen hinter Panzerglas: Einige lesen Zeitung, drei dösen mit offenen Augen, zwei mit geschlossenen. Nach Ansicht des Staatsanwalts gehören sie alle zur Ngoc-Thien-Bande, die in Berlin zwei Drittel der vietnamesischen Zigarettenhändler abkassiert haben soll. Der mutmaßliche Anführer der Bande sieht aus wie ein Schulbub und trägt den Spitznamen Ngoc-Thien - zu deutsch der "Barmherzige".

Der Begriff der Zigaretten-Mafia hat sich in den vergangenen Jahren eingebürgert, wirklich zutreffend ist er nicht. Denn der Aufbau der Banden gleicht eher den diffus organisierten, südamerikanischen Drogenkartellen als den hierarchisch gegliederten italo-amerikanischen Mafiagruppen. Dass der Bande des "Barmherzigen" der Prozess gemacht werden kann, haben Polizei und Staatsanwalt der Kronzeugin, einer jungen Asylbewerberin, zu verdanken. Zwischen Mai und August 1996 war die attraktive Vietnamesin zwangsweise Hausfrau der Ngoc-Thien-Bande. Die Bande hatte laut Anklage den Freund und den Cousin der Kronzeugin nach einem gemeinsamen Abendessen exekutiert und anschließend die Frau gefangen genommen.

Auch in Saal 537 wird an diesem Tag gegen einen Vietnamesen verhandelt, und auch dieser Prozess vermittelt manchen Einblick in die Gepflogenheiten der so genannten Zigaretten-Mafia. Der Staatsanwalt wirft dem Angeklagten vor, die Ermordung abtrünniger Bandenmitglieder geplant zu haben. Der 37-jährige Van Ha N. schweigt zu den Vorwürfen. Doch ein geladener Polizeibeamter erklärt den Richtern, wie sie die Telefonprotokolle in den Akten zu lesen haben. So sei beispielsweise die Redewendung "jemand in den Wald bringen" am Telefon unter Mafia-Mitgliedern ein Synonym für Mord. Wenn jemand "ein Holzbein" habe, gehe es nicht um eine Behinderung, sondern um die Warnung vor einem feindlichen Informanten.

Das Schicksal der jungen Kronzeugin aus Saal 700 müsste nicht erzählt werden, wenn es nicht für Tausende Vietnamesen in Berlin so typisch wäre: Die wirtschaftliche Not führte Nam (Name geändert) von Vietnam nach Deutschland, wo 1993 ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Fortan lebte Nam zwischen Baum und Borke: Vietnam verweigerte ihr die Rückreise, denn sie hatte nach vietnamesischem Recht das Land illegal verlassen. Die Bundesrepublik verwehrte ihr das Aufenthaltsrecht und eine legale Arbeitsmöglichkeit.

Also richtete sich Nam in der Illegalität ein. Sie verkaufte unversteuerte Zigaretten. Wie auch viele andere, die von Schleppern für über 10 000 Mark nach Deutschland gebracht werden und das Geld hier auf dem "Zigaretten-Strich" abarbeiten müssen. Die Polizei schätzt, dass neben den knapp 10 000 melderechtlich registrierten Vietnamesen weitere 20 000 illegal in Berlin leben. Unwahrscheinlich, sagt Tamara Hentschel. "Wohl eher die Hälfte."

Als den ehemaligen Vertragsarbeitern 1993 von der Innenministerkonferenz ein Bleiberecht zugesprochen wurde, entstand im Ostteil der Stadt ein reges vietnamesisches Wirtschaftsleben: Vietnamesen eröffneten Gemüseläden, Blumengeschäfte, China-Imbisse, Bekleidungsstände... "Die Vertragsarbeiter waren in den letzten Jahren stark bemüht, sich in Deutschland zu integrieren", sagt Hentschel, die schon in der DDR Vietnamesen in einem Marzahner Wohnheim betreut hat.

An der Marzahner Straße und an der Rhinstraße entstanden vietnamesische "Handelszentren", ein nüchtern wirkender Ausdruck für wahrhaft exotische Orte: Wer beispielsweise die weitläufige Halle hinter der Marzahner Rhinstraße betritt, fühlt sich auf einen typisch vietnamesischen Großmarkt versetzt, wie man ihn nur aus asiatischen Großstädten kennt. Unbekannte Gerüche aus Suppenküchen strömen dem Besucher entgegen. Verkäufer handeln an ihren Ständen zwischen riesigen Kartons und Tüten. Nur Eingeweihte wissen: "Auch hier werden Schutzgelder gezahlt", sagt Hentschel. Deutsche Gesichter treffen in den Gängen und den Restaurants auf zurückhaltende Neugier - solange man keinen Fotoapparat zückt. "Keine Fotos!", ruft sofort einer der Verkäufer und kommt angerannt. Wenige Sekunden später erscheint der vietnamesische "Hausmeister" im Gang, und noch einmal: "Fotografieren verboten!" Freundlich, aber bestimmt werden wir nach draußen geleitet.

Vietnamesen sind in Berlin nicht gleich Vietnamesen. Die meisten im Westen Berlins lebenden Vietnamesen sind Ende der 70er Jahre als "Boat people" gekommen, nachdem Südvietnam 1975 an den Norden gefallen war. In Berlin wurden die Flüchtlinge damals wohlwollend aufgenommen und unterstützt. Mit ihren Landsleuten aus dem Ostteil der Stadt wollen die inzwischen alteingesessenen Exil-Vienamesen heute offenbar nicht viel zu tun haben: Erst kürzlich sagten zwei eingeladene Mannschaften (West) ihre Teilnahme an einem vietnamesischen Fußball-Cup (Ost) ab. Doch weshalb bleiben die beiden Gemeinden elf Jahre nach dem Mauerfall noch immer unter sich? Vor allem aufgrund politischer Ressentiments, sagt die "Reistrommel"-Chefin. "Nichtkommunisten und Kommunisten eben."

In den Räumen der "Reistrommel" kommt die Furcht vor der Mafia eher indirekt zum Vorschein. Beispielsweise, wenn es an einem Tanzabend zum Streit kommt, es aber niemand wagt, den Anstifter des Hauses zu verweisen - weil er zu den Zigaretten-Händlern gehört. Auch der 18-jährige Viet - ein abgelehnter Asylbewerber, der als Jugendlicher allein nach Deutschland kam - verdient seit einigen Jahren sein Geld mit dem illegalen Verkauf. Zuweilen kommt Viet in die "Reistrommel", um mit seinen Freunden Musik zu machen. Neulich haben sie sogar eine CD aufgenommen. Mehr, sagt Tamara Hentschel, vermag man für Viet hier nicht zu tun. "Wir können ihm ja kein Geld geben."

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