Berlin : Vietnamesische Schutzgelderpresser wegen Mordes vor Gericht

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Dinh Tam T. ist zwar schon 31 Jahre alt, sieht aber noch immer wie ein Junge aus. Mit finsterer Miene blickt er zum Tisch des Staatsanwalts, wo soeben die Anklageschrift verlesen wird. Darin ist von Mordaufträgen die Rede und von Schüssen auf vietnamesische Tabakhändler. Dinh Tam T. folgt ungerührt den leisen Worte der Übersetzerin. Beim 26-jährigen Ngoc Thanh L., der gleichfalls auf der Anklagebank sitzt, ist es nicht anders. Beide schweigen zu den Vorwürfen.

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft soll der 26-jährige Ngoc Thanh L. "Soldat" in einer Bande vietnamesischer Schutzgelderpresser gewesen sein. Der Angeklagte wohnt angeblich in der brandenburgischen Grenzstadt Guben. Dinh Tam T., der der "Führungsebene" der Bande zugerechnet wird, ist "ohne festen Wohnsitz" registriert. Die Anklageschrift enthält Passagen, in denen zwei regelrechte Hinrichtungen geschildert werden. Das Ganze liegt drei Jahre zurück. Nach Ansicht der Staatsanwälte hat "Führer" Dinh Tam T. am 13. März 1996 in einer Wohnung in Friedrichshain dem Mitangeklagten und weiteren Komplizen befohlen, zum Dolgensee-Center in Lichtenberg zu fahren und die Zigarettenverkäufer einer verfeindeten Bande zu vertreiben. Am 14. März fuhren die "Soldaten" mit einer Maschinenpistole und einer Pistole im Gepäck nach Lichtenberg. Sie zwangen vier Zigarettenhändler, in eine nahe gelegene Grünanlage an der Hönower Straße mitzukommen und sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden zu legen. Einer der Täter tötete einen Händler mit einem Kopfschuss und verletzte einen weiteren schwer. Nach zwei Schüssen setzte die Mordwaffe wegen Ladehemmung aus. Zwei Händler konnten fliehen. Nach einem Treffen in einer Marzahner Wohnung am 20. März 1996 machten sich die "Soldaten" erneut auf den Weg. Sie erschossen vor einem Supermarkt in Marzahn einen Zigarettenhändler, der sich geweigert hatte, Schutzgeld zu zahlen. Fünf Schüsse trafen das Opfer, vier Geschosse durchschlugen seinen Kopf.

Die 36. Große Strafkammer hat im Oktober 1996 bereits zwei Mitglieder der beschuldigten Bande zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Nach Auskunft der Polizei starben seit 1992 in Berlin 44 Vietnamesen bei Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Banden.

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