Vinetaplatz im Wedding : Klare Häuserkante

Vor 50 Jahren gab Willy Brandt den Startschuss zur „Berliner Stadterneuerung“: Der alte Wedding wurde abgerissen, in den neuen kehrte nie so richtig Leben ein. Ein Streifzug durch ein Viertel ohne Müll, ohne Altbauten und mit Angst vor der Hipsterwelle.

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In Beton gegossen: Als die Architekten das Viertel an der Brunnenstraße und Bernauer Straße planten, wollten sie mehr Luft und Licht für die Bewohner – zum Preis der Verödung.
In Beton gegossen: Als die Architekten das Viertel an der Brunnenstraße und Bernauer Straße planten, wollten sie mehr Luft und...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Vinetaplatz heißt der Ort, den es nicht mehr gibt. Untergegangen. „Der Vinetaplatz ist tot“, sagt Margot Visser, eine kleine Dame von 80 Jahren, die in der Nähe wohnt. Ihre Mutter sei kreuzunglücklich gewesen, als ihr Haus am Vinetaplatz im Weddinger Brunnenviertel abgerissen wurde, damals, Anfang der 70er Jahre. Schuld daran waren viele, unter anderem Willy Brandt. Der verkündete vor 50 Jahren, am 18. März 1963, das erste Berliner Stadterneuerungsprogramm. Das Startsignal für die größte Kahlschlagsanierung im Nachkriegsberlin.

In West-Berlin galten damals 430 000 Wohnungen, also rund die Hälfte, als sanierungsbedürftig oder abrissreif. In den Arbeiterbezirken Wedding und Neukölln erkannten die Planer den größten Erneuerungsbedarf, tatsächlich traf es dann vor allem das Brunnenviertel nördlich der Bernauer Straße, ein Gebiet von rund 185 Hektar mit 40 000 Einwohnern, „Europas größtes Sanierungsgebiet“. „Flächensanierung“ war das Stichwort, also die alten Mietskasernen mit Außentoiletten abräumen und durch Neubauten mit viel Grün drumherum ersetzen. Finanziert mit Fördermillionen aus Bonn.

„Das Ergebnis war aus heutiger Sicht eine urbane Verödung, die Beseitigung urbaner Strukturen und Plätze sowie der funktionalen und sozialen Vielfalt“, sagt der Architektursoziologe Harald Bodenschatz. Dabei stieß der Abriss zunächst überwiegend auf Beifall. Auch im Tagesspiegel wurde den „150 00 typischen Bruchbuden“ nicht nachgetrauert. „Großstädtische Slumbereinigung“ nannten das die Stadtplaner. Endlich konnten sie die Konzepte der 20er Jahre realisieren. Viele Bewohner wurden in die parallel entstehenden Großsiedlungen Märkisches Viertel und Gropiusstadt umgesiedelt. Je weiter sich die Planer nach Norden vorarbeiteten, desto größer wurde jedoch der Widerstand, bis hin zur Besetzung von Häusern. Man ging dazu über, nur noch Hinterhöfe und Seitenflügel abzuräumen und die Altbauten an der Straßenfront stehen zu lassen. Am Schluss waren jedoch rund 75 Prozent der alten Bausubstanz verloren.

„Der Vinetaplatz ist tot“, sagt die 80-jährige Margot Visser. Sie erlebte die Sanierung des Viertels mit.
„Der Vinetaplatz ist tot“, sagt die 80-jährige Margot Visser. Sie erlebte die Sanierung des Viertels mit.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Bei uns wohnten viele Handwerker im Haus, Polsterer, Schneider, Elektriker, vorne gab es Läden. In jedem Haus waren zwei Geschäfte drin. Das war die typische Berliner Mischung“, erinnert sich Margot Visser. Heute wirkt der Vinetaplatz an Wochentagen verwaist. Das Viertel ist vor allem als Schlafstadt konzipiert. Man verzichtete auf Gewerberäume und Läden. Nur an der Brunnenstraße, früher eine belebte Einkaufstraße, wurden sie eingeplant.

Mit dem Niedergang des Viertels in den 90er Jahren stiegen Kriminalität und Verwahrlosung. Das Brunnenviertel verlor im Wettbewerb der Innenstadtquartiere Einwohner und Kaufkraft. An der Bernauer Straße wuchs eine soziale Mauer zwischen den sanierten Altbauten in Mitte und dem abgehängten „Migrantenviertel“ in Wedding. Seit 2005 versuchen Wohnungsbaugesellschaften, Bezirke und Senat gegenzusteuern. Zwei Quartiersmanagementgebiete wurden eingerichtet, um die Fehler der Stadtplaner zu reparieren. Viele Fördermillionen flossen in die Sanierung von Plätzen und Schulen, die leer stehenden Läden wurden mit Künstlern, Kiezprojekten und Cafés wiederbelebt. Erste Erfolge stellen sich ein, weil der Wohnungsmangel in den Altbauquartieren immer mehr Menschen zwingt, ihre Vorbehalte gegenüber Neubauten zurückzustellen. Auch Margot Visser engagiert sich im Quartier, aber sie sagt: Eine Gemeinschaft wie früher wird es nicht mehr geben.

Mira Dahre, 63, kam einst aus Kroatien nach Berlin. Sie wohnt seit 30 Jahren im Viertel, arbeitete bei Möbel Höffner und Telefunken, und vermisst allenfalls bessere Einkaufsmöglichkeiten. Mit den Nachbarn verstehe sie sich gut, es gebe viele Kontakte. „Der Mauerpark soll doch bald erweitert werden.“ Darauf freut sie sich.

Es liegt kein Müll auf den Straßen, viele Fassaden sind renoviert, die Ernst- Reuter-Siedlung an der Ackerstraße strahlt in Arktisweiß. Es gibt durchaus eine architektonische Vielfalt und interessante Blickwinkel, nur fehlen auch westlich der Brunnenstraße die Schaufenster und Werkstätten, die das Viertel beleben könnten. Das Quartier scheint sich abzuschotten, wie zu Mauerzeiten.

An der Ecke Brunnenstraße/Bernauer Straße hat vor einem Jahr das „Ost- West-Café“ eröffnet. Mit Retro-Interieur, Mauer-Memorabilien und Trabi vor der Tür geht der Inhaber auf Touristenfang. Die Mauergedenkstätte ist eine Chance für den Brunnenkiez. Im Veranstaltungs-Café „Supermarkt“, benannt nach dem echten Supermarkt, den es hier mal gab, sitzen Laptop-Sakko-Kreative und arbeiten an ihren Projekten. Die Barfrau erzählt, sie gehe vorwiegend in Prenzlauer Berg aus, fürchte sich aber vor einer ähnlichen sozialen Umwälzung im Brunnenviertel. „Ich möchte hier meine Ruhe haben.“ Bloß keine Hipster vor der Haustür. Ihre Furcht ist bislang allerdings unbegründet.

Die Weddinger Ackerstraße war zur Kaiserzeit wirklich ein Hinterhof-Slum, mit katastrophaler Enge, feuchten Kellerverschlägen, Lichtmangel und kranken Kindern. Der Ruf war langfristig ruiniert, so dass sich nach dem Krieg kaum jemand gegen den Abriss auflehnte. Heute wären die Meyer-Höfe, ein Komplex mit fünf Hinterhöfen, in dem zeitweise bis zu 2000 Menschen vegetierten, eine Touristenattraktion. Doch wer sollte das in den 60er Jahren ahnen?

Ein einziger Altbau hat den Kahlschlag der nördlichen Ackerstraße weitgehend unsaniert überstanden, die Nummer 80. An der unverputzten Brandwand lassen sich noch die Dachschrägen der abgerissenen Nachbarhäuser erkennen. Im Hof holt ein akademisch gebildeter Taxifahrer, schalumschlungen, Holzbriketts aus dem Keller und erzählt von der alten Hausbesitzerin, die sich nicht viel kümmere, dafür aber den Quadratmeter für vier Euro kalt vermiete. Ein Rudel betagter Fahrräder verstellt die Hoffläche, vom Dachfirst leckt Schmelzwasser, die schweren Holztüren sind verzogen, es riecht nach Kohle. Baujahr 1905.

Da hat er doch noch sein Refugium, der arme-sexy Altbau-Wedding, aber wie lange noch?

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