Vinyl in Berlin : Wille zur Rille

Peter Patzek alias Platten-Pedro kommt vom Vinyl nicht los Er betreibt eines der größten Antiquariate für die schwarzen Scheiben

Anna Fischhaber

„CDs, Diebe und Vertreter sind hier nicht erwünscht.“ Darauf weist ein kleines Schild an der Ladentür hin. Im Schaufenster steht ein kunstvoll bemaltes Grammofon, im Ladeninneren ist kein Platz für Dekoration: Über 100 000 LPs stapeln sich auf 50 Quadratmetern bis zur Decke. CDs? Fehlanzeige. Pedro ist der Plattenkönig vom Kiez, seit rund 40 Jahren betreibt er in Charlottenburg eines der größten Schallplatten-Antiquariate Deutschlands. Von Schellack bis Vinyl, von russischem Akkordeon-Swing bis zu deutschem Techno gibt es im Tegeler Weg 102 so ziemlich alles, was die Musikgeschichte im vorigen Jahrhundert hervorgebracht hat. „Massenware ist für mich wertlos“, sagt Pedro, „Tonträger müssen selten sein.“ Je nach Zustand können die bis zu 1000 Euro kosten.

Während er eine Zigarette nach der anderen raucht, zaubert Pedro einige seiner Schmuckstücke hervor: Eine Opernaufnahme aus dem Jahre 1902, ein unveröffentlichter Konzertmitschnitt von David Bowie, ein Unikat von Elvis Presley. Doch nicht alles, was man hier findet, ist käuflich. Der leicht ergraute Plattenhändler ist selbst Liebhaber und Sammler. Seit er denken kann, beschäftigt er sich mit Antiquitäten aus Vinyl. Früher war Pedro, der eigentlich Peter Patzek heißt, Hippie. Mit seiner Gitarre verdiente er sich sein Geld in der Schönhauser Allee. Später arbeitete er als Elvis-Double und Discjockey für Rolf Eden. Als das Geld knapp wurde – fünf Kinder musste Pedro inzwischen ernähren – überredete ihn seine Frau, mit seiner Sammlung den Plattenladen zu eröffnen. „Erst dachte ich, das klappt nie. Aber dass ich auch Ankauf betreiben kann, hat mich dann beruhigt“, erinnert er sich.

Heute, Jahrzehnte später, sieht der 65-Jährige mit seiner runden Brille und den abgetragenen Jeans immer noch aus wie ein Hippie. Doch inzwischen gilt er als Fachmann für Popkultur, so preist ihn zumindest ein Berliner Reiseführer. Ein fester Kundenstamm, der Pedros Leidenschaft für Schallplatten teilt, kommt regelmäßig vorbei, um die Bestände zu durchforsten. Peter Patzek begrüßt sie alle wie Freunde und fachsimpelt mit ihnen über die neuesten Entdeckungen. In Hausschuhen wohl gemerkt, schließlich liegt seine Wohnung, selbst ein kleines LP-Museum, gleich über dem Laden.

Auch Prominente trifft man ab und an hier. Wie den Schauspieler und Sänger Manfred Krug oder auch Klaus Vormann, der als Bassist die Beatles über Jahre hinweg musikalisch begleitet hat. Erkannt hat ihn Pedro aber erst abends im Fernsehen. Sogar von einem Hollywood-Auftritt kann Peter Patzek berichten: Damals, als Steven Spielberg seine Requisiteure auf der Suche nach einer seltenen Originalaufnahme für Schindlers Liste in den Tegeler Weg schickte. Pedro fand den Film „fürchterlich“, aber stolz ist er auf die Geschichte dennoch. Vor allem weil er an dem berühmten Regisseur gut verdient hat: „Ich hab seinen Mitarbeitern die Platte viel zu teuer verkauft, so eine Ehre soll sich ja auch lohnen“, freut sich der Sammler.

Doch nicht nur die prominenten Kunden sind inzwischen seltener geworden. „Früher gab es einen regelrechten Schallplatten-Tourismus nach Berlin und Sessions hier, heute laufen die Geschäfte immer schlechter“, sagt Pedro. Ursache sei der Verlagerung der Szene gen Osten und die „neue Kultur“, wie er die Welt der digitalisierten Tonträger nennt. Viele seiner Kollegen seien deshalb pleite gegangen oder hätten auf CDs umgestellt. Für Platten-Pedro kommt das nicht in Frage: „Auch wenn ich ein Auslaufmodell bin, aber CDs sind leblos.“ Man könne natürliche Schwingungen zwar digitalisieren, aber nicht renaturalisieren, erklärt er leidenschaftlich. Und so kann man neben Platten bei ihm nur ein Buch erstehen. Verleger, Autor und Protagonist ist Peter Patzek selbst. Es geht, wie könnte es anders sein, um die skurrilen Geschichten, die ein Berliner Plattenhändler beim Umgang mit seinem natürlichen Feind, dem Kunden, erlebt. Ob Fiktion oder Wahrheit, das will Pedro nicht verraten. Aber wenn man ihm so zuhört, glaubt man gerne, dass er all die verrückten Geschichten auch erlebt hat.

Mehr zum Laden unter

www.platten-pedro.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben