Virtuelle Konzert-App im Test : Leise Töne im Stelenfeld

Die Komposition "Vor dem Verstummen" von Harald Weiss wurde zur App umgewandelt. Das Stelenfeld ist jetzt ein virtueller Konzertsaal. Der Zuhörer soll in einen dreidimensionalen Raum der Klänge entführt werden. Doch dabei gibt es einige Hürden.

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QR-Code als Pflasterstein am Holocaust Mahnmal.
QR-Code als Pflasterstein am Holocaust Mahnmal.Foto: dpa

Durchs Stelenfeld tobt das junge Leben. Ein endloses Haschen, Suchen, Finden, Kreischen – in einem Konzertsaal wären längst Ordner eingeschritten. Aber das hier ist das Holocaust-Mahnmal, hier werden lautstarke Äußerungen von Lebensfreude seit jeher toleriert, ja gelten geradezu als Beweis, dass dieser Ort der Erinnerung kein Fremdkörper ist im Alltag der Stadt. Und wer ausgerechnet hier das Musikerlebnis sucht, das stille Gedenken zu passenden Konzertklängen, und seien sie auch nicht real, sondern via App heruntergeladen aus dem digitalen Wolkenreich – nun, der hat Pech oder ungeeignete, die Außenwelt unzureichend abschirmende Kopfhörer. Aber hoffen wir, er hat überhaupt welche zur Hand, denn nur mit dem Handy am Ohr wären auf dem Spielplatz Stelenfeld, beim Versuch, das dortige virtuelle Konzert zu erleben, wohl nicht mal Reste von Getragenheit zu imaginieren.

Das Konzert von Harald Weiss

Eine App für das Konzert gibt es seit einem halben Jahr – eine Neueinspielung der bisher einzigen Aufführung der Komposition „Vor dem Verstummen“ von Harald Weiss am 9. Mai 2008 im Stelenfeld. Weiss hatte sie eigens für den Ort geschrieben, ein Klanggewebe voller Traurigkeit, aufgeführt von 24 konzentrisch um den Dirigenten positionierten Streichern und Bläsern samt einer durch den Stelenwald wandernden Mezzosopranistin. 3000 Besucher haben das gehört, jeder anders, je nach Standort.

Dieses Klangerlebnis soll jetzt jederzeit wiederholbar sein. Im Dezember 2012 wurde das Konzert noch einmal eingespielt und zur App umgewandelt, als weiterer Schritt wurden nun rund ums Stelenfeld 23 „Internet-Pflastersteine“ verlegt und, wie berichtet, von Iris Berben, Botschafterin des dem Mahnmal zugeordneten „Raums der Namen“, vorgestellt. Die Pflastersteine wurden mit einem QR-Code markiert, per Smartphone – bislang funktioniert das nur mit iPhone 4S und 5, für Android wird es vorbereitet – kann man sich nun mitten in den virtuellen Konzertraum beamen.

Jedem Instrument und der Sängerin waren bei der Aufnahme Geokoordinaten zugeordnet worden, so soll mittels einer neuen Software ein dreidimensionaler Raum simuliert werden. Per GPS erkennt das Smartphone die Position des Hörers und berechnet den individuellen Klangraum, je nachdem wo er sich befindet. Initiiert wurde das Projekt von Daniel-Jan Girl, Vorstandsmitglied des Förderkreises für das Denkmal.

Fast 17 Minuten Klangerlebnis

Soweit die Theorie. In der Praxis beginnt das Experiment an den QR-Pflastersteinen. Man findet sie leicht, zum Glück liegt kein Schnee. Ob sie auch dann zuverlässig ihren Dienst tun, wenn sie verschmutzt sind und Tausende darauf herumgetrampelt haben, wird sich zeigen.

Aber noch klappt das Herunterladen der App, ihr Öffnen dauert etwa eine Minute. Ob der aktuelle Ort verwendet werden dürfe, fragt die App: er darf. Nun kann man zwischen „Concert Mode“ und „Information“ wählen, 16:55 Minuten dauert die Darbietung. Beim ersten Versuch steht nur ein iPhone 4 samt minderwertigem Kopfhörer zur Verfügung: Auf dem Bildschirm taucht schemenhaft das Stelenfeld auf, Punkte markieren die Instrumente, werden größer, schrumpfen – offenbar reagieren sie auf deren Einsatz.

Ein Pfeil wandert zwischen den Punkten herum, soll wohl andeuten, woher die Musik kommt. Diesen Schallplan mit dem Hörerlebnis zu synchronisieren, bleibt jedoch schwierig. Neuer Versuch also mit iPhone 4s und guten Kopfhörern: Schon besser, ein deutlich hörbarer Klangraum, mit klar bestimmbaren Positionen der Instrumente. Beim Herumlaufen müsste sich deren Verhältnis zueinander und zum Hörer verändern. Aber um das zu registrieren, braucht man schon ziemlich gute Ohren.

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